Mexiko-Iran in Nürnberg
Fotos: Jessika
11.06.06

Mechikko zu Gast bei Freundinnen!

So, heute also Mexiko-Iran in Nürnberg! Mit dem Zug mache ich mich auf den Weg in die Hauptstadt der Bratwürste, die heute die zwei doch recht gegensätzlichen Länder Mexiko und Iran empfängt. Nun, zumindest von den Farben ihrer Flaggen sind sie sich sehr ähnlich, und so präsentierte sich das ausverkaufte Frankenstadion als grün-weiß-rotes Farbenmeer. Iran. Ja, eigentlich hatte ich ja im Vorfeld gemeckert, von wegen Iran hätte von diesem Turnier ausgeschlossen werden sollen und so. Um dies vorweg zu nehmen: ich habe meine Meinung längst geändert, denn Schnaps ist Schnaps, Sport ist Sport und Politik ist Politik. Und alles, was ich heute sehe, sind fröhliche Fußballfans.

Natürlich muss man erst mal zum Stadion hinfinden. Das ist die erste Herausforderung des Tages, zumindest wenn man im "gelben Block" sitzt, nicht leicht. Die FIFA hat sich nämlich ein ausgeklügeltes System ausgedacht, um Fans zu ihrem Sitzplatz zu führen und dabei zu vermeiden, dass sich gegnerische Fans in die Quere kommen. Deshalb ist auf der Eintrittskarte vermerkt, ob sich der Sitzplatz im gelben, grünen, roten oder blauen Block befindet. Schon am Bahnhof wird jetzt der gemeine Fan in das richtige Transportmittel gelotst, und dann geht nichts schief. Auf dem Nürnberger Bahnhof sind bereits um 15:00 (Spielbeginn ist 18:00) tausende von grünßweißroten Fans unterwegs zur S-Bahn, mir wird schon mulmig. Dann sehe ich jedoch, dass mich das gelbe Schild in die Tiefe schickt, und ich werde informiert, die U1 richting Langwasser soll ich nehmen, und in der Bauernfeindstraße soll ich aussteigen. Naja, denke ich, laufe ich eben einfach den anderen hinterher. Doch schnell werde ich misstrauisch: Schon auf der Rolltreppe, und auch in der U-Bahn herrscht gähnende Leere!! Bin ich falsch? Bin ich in der falschen Bahn? Brav steige ich bei der Bauernfeindstraße aus, finde fünf andere Menschen in Fanbekleidung, die sich hilflos umsehen. Na, dann hole ich mir erst mal ein Bierchen, denke ich mir, und folge dem Schild zur "Kaufstätte", auch wenn ich mir nicht sicher bin, was sich hinter dem schönen Wort verbirgt.


Richtig. Ein Kiosk, eine Trinkhalle, ein Wasserhäuschen, ein Büdchen. In Nürnberg eben Kaufstätte. Leider ist dieselbe geschlossen, und ich mache mich auf den Weg zum Stadion. Der Weg führt über eine Brücke, durch einen Park, durch einen Wald, einmal entlang des Messegeländes, dann zu einer großen Straße, von dort aus wieder in einen Wald. Und plötzlich eine Einlasskontrolle. Ich gehe durch ein Gatter, zeige mein Ticket, mache meine tasche auf, und gehe weiter, in der Erwartung, jetzt jederzeit vor den Menschenmassen zu stehen, die auf Einlass warten. Fehlanzeige, ich bin schon drin!! Das war ja einfach. Bloss, dass ich ab jetzt meinen gelben Sektor nicht mehr verlassen kann, enttäuscht mich, schliesslich habe ich ja noch 2 Stunden Zeit bis zum Anpfiff, und die muss ich mir zwischen den drei FIFA-authorisierten Budweiser-Langnese-und offizielle-FIFA-Fanartikel Ständen vertreiben. Einen Iran-Mexiko-Schal? Nein, sowas ist nicht authorisiert. Merke: In jedem Stadion, bei jedem Spiel gibt es die selben Fanartikel. Goleo-Feuerzeuge und so. Vielleicht ganz gut so, dann gebe ich auch weniger Geld aus. Nur die Nürnberger Würstchen, die lasse ich mir nicht nehmen, und ich frage mich, ob die lizensiert sind.

Dann suche ich eben schon mal meinen Platz auf, schaue mir das Holland-Spiel auf der Leinwand an, und schaue zu, wie sich das Stadion langsam füllt. Die Stimmung im Nürnberger Stadion ist grandios, und bereits vor dem Anpfiff geht die La Ola mindestens sechs mal rund. Das Spiel ist unterhaltsam, spannend, und überall um mich herum feiern und singen Mexikaner. Natürlich kann ich mir meine üblichen Verlierersympathien nicht verkneifen, und versuche, auf dem noch genauso weiten Rückweg zur U-Bahn ein paar Iraner aufzuheitern.

Ich habe Glück, die Bahnhofsanzeige verrät, dass der nächste Zug um halb zehn nach Frankfurt fährt. Ich warte gemeinsam mit 10000 Mexikanern, ein paar Iranern und einem Iraner englischer herkunft (oder umgekehrt) auf dem Bahnsteig, als eine Durchsage uns darüber informiert, dass der IC Nummer soundso nach Dortmund über Würzburg, Aschaffenburg, Frankfurt Main, Mainz, Koblenz, etc etc heute ausnahmsweise nicht aus Gleis 6, sondern aus Gleis 12. Hektisch versuche ich, diese neuen Informationen auf dem Bahnsteig zu kommunizieren, und ein besonders hilfloser Mexikaner vergewissert sich bei mir in gebrochenem Englisch wiederholt, ob dieser Zug denn auch nach Düsseldorf fährt. Er sei zum ersten Mal in Deutschland. Klar, vergewissere ich ihm, keine Sorge, und bitte ihn, mir zu folgen. Das tut er, sowie die anderen 10000, wir finden sogar einen Sitzplatz, und mein neuer mexikanischer Freund Mario fragt noch ein paarmal, ob ich mir denn sicher sei, dass dieser Zug nach Düsseldorf fahre. Ja, verspreche ich ihm, was er mir nicht recht glaubt, hatte ich ihm doch vorher gesagt, dass ich nach Frankfurt führe. Ich zeige ihm im faltbaren Reisebegleiter, dass der Zug zwar nach Frankfurt, danach aber auch noch weiter in Richtung Dortmund über Düsseldorf fährt. Mario bleibt skeptisch, wechselt aber bald das Thema, und so säuselt er mir bald ins Ohr, dass meine Augen so blau wie der Ozean sind, und ob ich schon mal überlegt habe, nach Mexiko zu ziehen. Nein, sage ich, und dass ich mich eigentlich in Deutschland ganz wohl fühle. Das akzeptiert er nicht, schliesslich sei ich ja noch nie dagewesen, und so könne ich gar nicht wissen, wo ich mich wohler fühle. Themawechsel: Wie lang fährt man von Frankfurt nach Düsseldorf, will Mario wissen. Ich schaue im faltbaren Reiseplaner und sage es ihm. Nein, sagt er, mit dem Auto? Und dann hat er die in seinen Augen grandiose Idee, in Frankfurt auszusteigen und von dort aus ein Auto zu mieten nach Düsseldorf. Meine Einwände, der Zug sei schneller und sicherer, lässt er nicht gelten. Und als ich zu bedenken gebe, dass er vielleicht schon ein oder zwei Bier getrunken habe, macht er den Vorschlag, ich könne ihn ja nach Düsseldorf fahren. Ich erkläre ihm, ich möchte eigentlich nur nach Frankfurt, und dass ich auch schon ein zwei Bier getrunken habe. Er denkt kurz darüber nach, bis eine Durchsage die nahe Ankunft in Würzburg ankündigt. "Wie weit ist Würzburg von Düsseldorf?" fragt Mario, und schlägt vor, man könne sich ja ein Auto mieten, und gemeinsam nach Düsseldorf faren. Ich wiederhole meine Einwände, und das ganze wiederholt sich in Aschaffenburg und Hanau, und zwischendrin habe ich immer wieder so blaue Augen, die es in Mexiko ja so gar nicht gibt, und Vorschläge, man könne vielleicht in Hanau aussteigen und gemeinsam Dinner haben. Langsam werde ich ungeduldig, natürlich im inneren Konflikt, die Welt ist schliesslich bei Gast bei Freunden, und da will man stets freundlich sein, aber irgendwann sage ich ihm mit Nachdruck, dass ich ihn NICHT begleiten werde, weder nach Düsseldorf, noch nach Hanau oder Mexiko. Gut, dann will er mich nicht länger belästigen, sagt Mario, und steigt in Offenbach aus....

001 002 003 004 005
006 007 008 009 010
011 012 013 014 015
016 017 018 019 020
021 022 023 024 025