Kurzgeschichte

Un Viaje Especial
oder:
Auswärtsspiel am Guadalquivir (2)

(A. Holzmann)

05.07.02

.....An den Treppenaufgängen zu seinem Block standen ein paar Buden herum. Er entschied sich gegen das Bier und begab sich zum Cola-Stand. Eine junge Frau stand hinter der Theke und fragte ihn lächelnd nach seinen Wünschen. Er bestellte in seinem Gringo-Spanisch eine Dose Cola und zwei Orangen. Das Mädchen beugte sich weit über die Kühlbox und suchte nach einer Coladose. Als sie sich ihm wieder zuwandte, hatte die Kälte des Gefrierfachs ihre Brustwarzen steil aufgerichtet. Einen Moment zu lange verließ sein Blick ihre mandelförmigen, dunkelbrauen Augen.

Sie lachte, leicht verlegen. Er fühlte sich ertappt und fragte leicht stotternd nach dem Preis. Als er bezahlte, wollte sie wissen, aus welchem Land er denn komme. Alemania. Sie erzählte von einem Onkel aus Saarbrücken und dass sie vor Jahren in der Schule ein Jahr Deutsch gelernt hatte. Seine Aufmerksamkeit galt längst wieder ihren Augen und dem offenen Lachen, das ihn dazu ermunterte, sich für die Halbzeitpause wieder bei ihr anzukündigen. "Bis später", gab sie ihm noch in gebrochenem Deutsch mit auf den Weg, ehe sie sich dem nächsten Kunden zuwandte. Er sah noch ein paar Sekunden zu, wie ihr Pferdeschwanz bei jeder Bewegung fröhlich auf- und abtanzte, dann rissen ihn die lauter werdenden Schlachtrufe der Massen aus seinen Tagträumen.

Das Spiel war erwartungsgemäß unterer Durchschnitt. Die Hitze ließ die Beine der Spieler offenbar frühzeitig schwer wie Blei werden. Immerhin begeisterten ihn die Temperamentsausbrüche des Publikums. Bei jeder gekonnten Ballstaffette der Heimelf entfuhr Tausenden Kehlen ein entzücktes "Ole". Er lernte schnell und schloss sich dem Chor der Fans an.

Als auch noch der gegnerische Torwart einen weiten Flankenball unterschätzte und mit einem missglückten Abwehrversuch ins eigene Netz beförderte, brandete ein kollektiver Jubelsturm durch das weite Rund. Alle lagen sich in den Armen. Nur die Sevillanos wollten dem ganzen so gar nichts abgewinnen.

Für ein paar Minuten war das Mädchen aus dem Verkaufsstand aus seinen Gedanken gestrichen. Der Pausenpfiff änderte dies schlagartig. Er verließ den Block, eine neue Cola stand auf seinem Wunschzettel. Obwohl er jetzt, wo die Schatten langsam länger wurden, auch ein Bier vertragen hätte. Später. Das mit der Cola hatte schließlich einen anderen Grund.

Sie erkannte ihn gleich wieder, als er an der Reihe war. "Ah, el Alemán. Noch eine Cola?" Er lobte sie für ihr gebrochenes Deutsch, das ziemlich sexy wirkte. Während er ihr seine Peseten reichte, tat er das, was er sich seit einer knappen Stunde fest vorgenommen hatte. Er fragte sie, ob sie den Abend schon verplant hatte. Sie lachte - unnachahmlich, und fragte ihn nach dem Hotel, in dem er wohnte. Er nannte den Namen und die Adresse. Sie sagte, dass sie ihn um halb zehn dort abholen werde. Er lachte ihr zu und ballte dabei die Faust in der Tasche.

Das Spiel. Ach ja, das Spiel. Real Betis konnte den knappen Rückstand nicht mehr aufholen. Die Gastgeber zitterten dem Schlusspfiff entgegen, der sie schließlich von ihren Qualen erlöste. Er stimmte in die Jubelgesänge mit ein und ließ sich von der Masse aus dem Stadion in Richtung Stadtmitte zurücktreiben. Irgendjemand drückte ihm eine Dose Bier in die Hand. Er trank in gierigen Zügen und fühlte sich prima. In der Nähe der Brücke drängten sich ein paar Dutzend Fans in einer Bar um einen Fernseher. Ein Lokalsender zeigte die Höhepunkte der Partie. Er holte sich noch ein Bier und ein Schälchen pinchos morunos. Beim Tor lagen sich wieder alle in den Armen. Ein schnauzbärtiger Mittfünfziger quetschte ihm schier die Luft aus dem Brustkorb, während er ihm einen feuchten Kuss auf die Backe drückte. In allerbester Laune verließ er eine Stunde später die Bar und ging zum Hotel zurück. Er duschte kurz und legte sich noch eine Weile aufs Bett.

***

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last update: 05/07/02