| Italien
– ein Land, in dem Fußballspiele mitunter so spannend wie
eine Wettervorhersage aus dem Jahre 1970 sind, der Kartenkauf mitunter
länger als ein Spiel dauern kann, und Stadien an Hinterlassenschaften
der alten Römer erinnern;
und mittendrin der ruhmreiche
FC Bologna, die Rückkehr in die Serie A fest im Visier…
Es ist Montag 10.30 Uhr. Die
Straßen im bereits sommerlichen Bologna sind lebhaft, die Luft dicht,
der Himmel wolkenlos. Mittendrin drei Fußballfans, die seit einer
Stunde Karten für das Auswärtsspiel in Modena ergattern wollen.
Karten für Auswärtsspiele gibt es Italien gewöhnlicherweise
in Banken zu kaufen; beziehungsweise gäbe es zu kaufen, wenn alle
damit werbenden Banken auch über die dafür existenziellen Vorraussetzungen
verfügten.
Nachdem man nach etwa dreissig Minuten – Einlaßkontrolle mit
Fingerabdruck, endlose Schlangen, funktionsuntüchtige Drucker, Auslaßkontrolle
– in eine andere Filale geschickt wurde, wird es langsam albern:
In der 60. Minute steht man am Kartenschalter und wird zunächst an
die Kasse geschickt. Umständlich werden Personalien notiert und endlich
Belegscheine ausgedruckt. Zur Bestätigung ist nur noch ein Handgriff
nötig – am Kartenschalter.
In der 80. Minute dann selbige erhalten, die Karten liegen dann auch bereit
– an der Kasse, wo man nur noch bezahlen müsse.
Mit Anbrechen der 90. Minute dann noch ein Wechsel bei der Bank, die Kasse
wird neu besetzt. Kurz darauf dann endlich der ersehnte Erfolg. In der
94. Minute kann die Zentralbank als glücklicher Besitzer eines Tickets
für den Knaller in Modena verlassen werden.
Angefangen hatte alles mit einem
Heimspiel des FC Bologna gegen Albinoleffe. Viel kann man ja auch nicht
verkehrt machen. Der FCB ein Verein mit großer Tradition, ehemalige
Heimat von Roberto Baggio und aktuell in einer Liga mit Juventus Turin
und dem SSC Neapel. Entwöhntes Fußballherz, was willst Du mehr?
Schon beim ersten Besuch werden dann die vielfach diskuttierten Gründe
für die Krise des Calcio offenkundig.
Fangen wir mit dem Stadion an: Eine Bruchbude ohnegleichen, zu allem Überfluss
mit einer Laufbahn ausgestattet. Unglaublich, dass hier 1990 noch WM-Spiele
stattfanden. Anbeblich, weil man ein Stadion mit historischem Charakter
gesucht hat. Mit dem selben Argument hätte man auch im Collosseum
spielen können, aber das ist wahrscheinlich an der Spielfeldgröße
gescheitert.
Offenkundig ist auch das geringe Zuschauerinteresse. Wenn sich auf 40.000
Plätzen kaum 10.000 Zuschauer verlaufen, fühlt man sich schnell
an das Leipziger Zentralstadion erinnert.
Grund dafür dürften die Eintrittspreise sein, die fast überall
in der Serie B bei 15 Euro liegen – Dauerkarten hingegen kosten
nur 150 Euro – für 21 Spiele. So wird zwar ein Stammpublikum
gesichert, “Gelegenheitsfans” werden hingegen kaum gewonnen.
Auch das Spiel ist alles andere als eine Werbung für den Sport. Allenfalls
ein Leckerbissen für jemanden, der auf gepflegten Catenaccio steht.
Bologna geht früh in Führung und tut danach nicht mehr als nötig.
Albinoleffe hingegen schießt dreimal auf’s Tor und verliert
am Ende 0:1. Aber ich will ja nicht meckern, schließlich kann man
nicht in jedem Spiel ein Feuerwerk erwarten.
Besser wurde es da schon beim
nächsten Spiel: Freitag Abend, Flutlicht, und mit den AS Bari ein
namhafter Gegner zu Gast. Nach torloser erster Hälfte dann die erste
Bekanntschaft.
Man kann in Italien kaum eine Bar betreten, ohne Kontakt mit Einheimischen
aufzunehmen. Fragt man jemandem nach dem Weg, muss man damit rechnen,
dass dieser die halbe Verwandtschaft anruft, um Auskunft geben zu können.
Und wenn man an einfach zu einem Fußballspiel gehen möchte,
kommt man nicht umhin, für die nächste Auswärtsfahrt wildfremden
Menschen seine Teilnahme zuzusagen.
Nun gut. Bologna gewinnt nach
einem, hüstl… “höchst fragwürdigen” Elfmeter
und einem Konter in der Schlußminute 2:0 und darf weiterhin berechtigte
Hoffnungen auf eine Play-Off-Teilnahme hegen.
Die ersten beiden Mannschaften der Serie B steigen sicher auf, das dritte
Team wird aus KO-Spielen zwischen den Mannschaften von Platz vier bis
sechs ermittelt. Für Spannung ist also gesorgt, schließlich
ist auch Platz sechs alles andere als in trockenen Tüchern.
Am darauffolgendem Dienstag dann
das Derby. Da wegen diverser “Zwischenfälle” Anfang Februar
ein kompletter Spieltag abgesagt wurde, wird dieser in eine englische
Woche gelegt – und das Derby an einem Dienstag um 15.00 Uhr ausgetragen.
Ich habe selten eine unglücklichere Ansetzung gesehen. Ein Dienstag
ist schon Strafe genug, aber eine solche Uhrzeit sollte auf ewig unerreicht
bleiben.
Noch dämlicher erscheint das ganze, wenn man bedenkt, dass andere
Spiele abends stattfinden dürfen. Aber gut, genug gemeckert –
man ist ja froh, dass Auswärtsfans überhaupt zugelassen sind.
Auch diese waren in den Sofortmaßnahmen außen vor, ebenso
wie Fans, die keine Dauerkarte besitzen.
Hier wurde der Gipfel falscher Entscheidungen erklommen. Gerade die gewaltbereiten
“echten Fans” sind die Dauerkartenbesitzer, der im allgemeinen
weniger enthusiastische Gelegenheitsbesucher wird hingegen ausgeschlossen…Maßnahmen
hin, Kurzschlussreaktionen her; Italien ist nicht umsonst als Land bekannt,
in dem sich Gesetze so schnell ändern, wie die Meinung von Franz
Beckenbauer. Wenn es das nächste Mal knallt, geht das Theater wieder
los, nachhaltige Gewaltprävention sieht in meinen Augen anders aus.
Entgegen aller Befürchtungen ist das Stadion in Modena gut gefüllt,
und macht auch sonst einen guten Eindruck. Vielleicht ein wenig zu spießig,
aber 50% Stehplätze und die fehlende Laufbahn reißen einiges
raus.
Auch das Spiel ist gut. Bologna geht nach 47 Minuten durch Danilevicius
in Führung und kontrolliert auch weiterhin das Spiel. Wenn meine
Serie anhielt, würde der BFC auch dieses Spiel gewinnen, ein Gegentor
habe ich noch nicht gesehen.
80 Minuten und ein Elfmeterpfiff später kann diese Überlegung
zu den Akten gelegt werden, ebenso wie der Traum von einem Auswärtssieg.
Drei Punkte hätten Platz zwei bedeutet, aber man will es wahrscheinlich
spannend machen.
Nach dem Spiel noch etwas Aufruhr, weil der Torwart der Gegners den Gästeblock
verhöhnt, und die Balljungen uns breitgrinsend den Mittelfinger zeigen
– köstlich, ich hätte es wahrscheinlich auch so gemacht.
Unterdessen gibt es wenig ermunterndes
aus der Heimat. Sachsen Leipzig hat mal wieder unentschieden gespielt,
und hängt zehn Spieltage vor Schluss elf Punkte hinter Cottbus II.
Man kann sich also bequem auf ein viertes Jahr Oberliga einstellen.
Bei solchen Aussichten sei mir die kleine Auslands-Affäre hoffentlich
verziehen – es ist ja nichts ernsthaftes…
Mal schauen, was passiert, wenn Rossoblù nächstes Jahr doch
Serie A spielen sollte, vielleicht werde auch ich dann zum Dauerkartenbesitzer?
In diesem Sinne – “Forza
ragazzi!” – und auf geht’s Bologna
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