| Gruß aus dem Osten von Julius, 16.04.2006 | |||
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| „Cool
Cats”, freier Eintritt und Bier im Spielertunnel Irgendetwas hat gefehlt.
Schrecklich gefehlt. Irgendetwas ist oder fehlt eigentlich immer, aber
im hier beschriebenem Fall mag auch dies kaum Trost spenden. Dieses Mal
war es nicht der Ausgleich fünf Minuten vor Schluß oder die
abermalige Fortsetzung der Pechsträhne eines Dauerveletzten. Geht eigentlich gar nicht, möchte man meinen, und geht eben auch nur, wenn gar nichts geht. Während in Deutschland Wolfsburg drauf und dran ist mit seinem überfälligen Abstieg die Liga zu bereichern, Energie Cottbus mit einer ihresgleichen suchenden Hungertruppe am Oberhaus anklopft, der Existenskampf der Zweiten Liga alles was es im Normalfall an Spannung geben kann in den Schatten stellt, und Chemie Leipzig nach wie vor auf Kuhdörfern gegen dort ansäßige Hobbymanschaften verliert, ruht in Lettland der Ball.
Wie dem auch sein mag - die scheinbar ewig währende Unterbrechung fand vergangene Woche dann glücklicherweise ihr apruptes Ende und das auf Tiefkühltemperatur schlagende Fußballherz wurde langsam aber spürbar wärmer. In bereits seit Januar
andauernden, endlosen Gespächen wurde man schon darauf vorbereitet,
dass der 8. April als den Status eines Heiligen genießendes Datum
auf keinen Fall zu verplanen sei. Der achte April war der Saisonauftakt
in Lettland und gleichzeitig auch erster Heimspieltermin des FK Riga.
FK Riga? Ja, nicht unbedingt eine Mannschaft, die sich über europaweite
Bekanntheit erfreuen kann. Ein Team, dass Mittelmaß in der Oberliga
– der höchsten Spielklasse Lettlands – verkörpert,
das im letzten Jahr Platz fünf in einer aus acht Mannschaften bestehenden
Liga belegte, und das am letzten Spieltag mit einem Unentschieden gegen
den Vorletzten noch die sicher geglaubte Teilnahme am UI-Cup verspielte. Aber auch Lettland entwickelt sich. Drei Wochen vor Saisonbegin schließt die Liga einen Vertrag mit dem Telefongiganten LMT (Latvijas mobilais telefons) ab, der nunmehr als Hauptsponsor fungiert. Zusätzlich wird pro Spieltag ein Spiel live im frei empfangbaren Fernsehen zu verfolgen sein, was sich langfristig auch positiv auf das öffentliche Interesse auswirken wird. Als angenehmer Nebeneffekt sind sicherlich auch die finanziellen Mittel zu bezeichnen, die aus neuen Quellen in die Kassen der Klubs fließen. Eine letzte Einstimmung
bringt die Radio SWH Saisonprognose, die als Mittelpunkt der wöchentlichen
Sportsendung von einer Expertenrunde getätigt wird. Man ist sich
nicht ganz sicher, sagt einen Titelkampf zwischen dem FK Ventspils, Serienmeister
Skonto Riga und Liepaja voraus, was nicht unbedingt überraschend
ist. Um Platz vier kämpfen dann wohl der FK Jurmala, Daugavpils;
vielleicht auch der Aufsteiger Daugavpils Ditton. In die erste Liga absteigen
wird der andere Aufsteiger aus Rezekne, während man dem FK Riga immerhin
Chancen auf Platz sieben einräumt. Dann geht man wenigstens nicht
automatisch runter, sondern kann sich durch Relegationsspiele mit dem
Zweiten der ersten Liga den Klassenerhalt in der Oberliga sichern. Die
Exoten der diesjährigen LMT-Oberliga sind die „Hochadler”
aus Rezekne (für Genießer: disvanagi Rezekne – Dieschwanagi
Resäkne). Man stelle sich hiermit bitte eine Mannschaft vor, die
nicht mal einen Trainingsplatz hat, einige ihrer Heimspiele beim Gegner
absolviert, und selbst regulär in einer anderen Stadt spielt. Alle
Vorbereitungsspiele wurden hoch verloren, keiner glaubt ernsthaft an Chancen
auf Platz sieben. Am achten April ist es dann so
weit, Riga empfängt den diesjährigen UEFA-Cup Teilnehmer aus
Ventspils. Wechselhaftes Frühlingswetter, Anpfiff 14 Uhr. Pünktlich
um 13.45 Uhr mache ich mich von zu Hause auf den Weg zum Stadion. A propos
Stadion. Zwei Tribünen, die vielleicht 4000 Zuschauern Platz bieten,
säumen den Platz entlang der langen Enden ein. Die kurzen Enden sind
gänzlich frei, und auch die Laufbahn darf natürlich nicht fehlen.
Um in die Kneipe zu gelangen muss man den Spielertunnel passieren. Der
Eingang befindet sich dann neben der Schiri-Kabine – mit dem Bier
in der Hand läuft man quasi an den Spielerduschen vorbei - alles
ein bißchen kleiner eben. Die Stimmung im Stadion
ist gleich null. Ich glaube sogar, mehrmals das Husten des Linienrichters
auf der Gegenseite deutlich vernommen zu haben. Nur ab und zu bemüht
sich der Rigar Fanclub „cool cats” – womit eigentlich
auch alles gesagt wäre – so etwas wie eine Geräuschkulisse
aufzubauen. Auch die gegnerischen Fans sind nicht gerade ohrenbetäubend
laut; nur als Ventspils 1:0 in Führung geht, regt sich etwas . Zum
Beifall gesellt sich auch ein gelungener Einsatz von Pyrotechnik, der
das gesamte Spielfeld in Nebel taucht. Das Spiel selbst ist weit besser
als ich zu träumen gewagt hätte. Anstelle des erwarteten Krampfes,
höchstens einem Spiel Köln II gegen Oberhausen oder Chemnitz
entsprechend, bekomme ich eine technisch ansehnliche Partie auf gutem
Regionalliganiveau zu sehen. Die Kombinationen beider Teams laufen überraschend
flüssig, auffallend ist aber, dass Körpereinsatz kleiner als
in Deutschland oder England geschrieben wird. Nächste Woche bestätigt
sich das gesehene bei einem Besuch des Spiels Liepaja-Jurmala. Einige
Ultras des FK Riga sind zwar ein wenig sauer, weil ich sie nicht nach
Daugavpils begleite und die nun zu dritt (!) fahren müssen, aber
da hätte man auch mal eher Bescheid sagen können. Einmal in
Liepaja ist natürlich auch ein Stadionbesuch Pflicht. Insgesamt ein guter Vorgeschmack
auf die restliche Saison. In Sachen Qualität überstieg das bisher
gezeigte jedenfalls meine Erwartungen. 3000 zahlende (!) Zuschauer wie
in Liepaja, obwohl zehnmal kleiner als Riga, sind immerhin in Anfang.
Ein Generalsponsor und einheimischer Fußball im TV sind für
ein Land, das auf Übertragungsrechte für die WM 2002 verzichtete,
und diese erst im Nachhinein während der Weltmeisterschaft erwarb,
schon ein gewaltiger Fortschritt. |
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