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Wochenlange Trainerdiskussionen,
Fußball zum Abgewöhnen, Derby bei Sicherheitsstufe 1, Aktion
gegen Rassismus und Stadionordner in Thor-Steiner Klamotten. Obendrein
Platz acht in der Amateur-Oberliga bei einem 2,6 Millionen-Etat... Völliges
Chaos?
Nein, lediglich gewohnte Realität in Leipzig Leutzsch.
Leipzig steht bundesweit in den Schlagzeilen, mal wieder. Was Fußballfans
in ganz Deutschland für völlig verrückt oder gar unmöglich
halten wird in Leipzig auch dieser Tage, wenn überhaupt, nur mit
einem gelangweilten Gähnen komentiert.
Dr. Kölmel wollte es im Sommer wissen, hat keinen Bock mehr auf ewig
und immer Teilhaber einer Investruine zu sein, will mit seinem Zentralstadion
bis zum Ende des Pachtvertrages (ca. 2030) groß Geld verdienen.
Um nicht wieder eine Enttäuschung zu landen übernahm unser Geldgeber
über Nacht nahezu die komplette Kontrolle über den Verein, installierte
Ersatzpräsidenten und Sportdirektor, ließ sich auch bei Neuzugängen
nicht lumpen. Schön und gut wohl dem, der noch Ideale hat.
Was in den Jahren zuvor so gut klappte sollte auch in diesem auf keinen
Fall schiefgehen. Vor der Saison plante man vorsorglich schon einmal für
die dritte Liga, holte wie erwähnt erst Eduard Geyer und später
vier Spieler aus dem Profifußball. Vorläufiger Höhepunkt
in Sachen Qualitätserhöhung war die Verpflichtung von Rolf-Christel
Giue-Mien.
Ja, Guie.Mien, der selbe Giue-Mien der für Freiburg, Frankfurt und
Köln am Ball war. Der steht jetzt gegen Freizeitmannschaften aus
Halberstadt und Auerbach auf dem Platz im Trikot der personifizierten
Unfähigkeit Chemie Leipzig.
Resultat Kölmels Bemühungen waren ein Unentschieden und eine
Niederlage nach nur vier Spielen und damit höchste Zeit für
einen Trainerwechsel. Obwohl Hans Leitzke einen Idolstatus besitzt und
gleichzeitig das letzte Fünkchen Chemie im FC Sachsen ist, war eine
Trennung überfällig.
Wer in der Vorbereitung an die 35 Spieler einsetzt und bis zum vierten
Spieltag keine Stammelf gefunden hat; wer eine Mannschaft trainiert bei
der nicht ein Spielzug klappt und keine Ecke für Gefahr sorgt, wem
sowohl Autorität als auch Erfahrung fehlen, und wer sich obendrein
rhetorisch auf einem Level mit Thomas Cichon oder Kevin Kurany befindet,
ist mit einem Team aus Profis einfach überfordert.
Allen offensichtlichen Fakten zum Trotz sahen weder Ede Geyer, noch Präsident
und Gemütsmensch Rolf Heller Veranlassung, vor einer dreiwöchigen
Spielpause etwas zu ändern. Eigentlich geradezu unverständlich
wenn man bedenkt, dass Heller auch schon in Frankfurt Aufseher eines randgefüllten
Pulverfasses war.
Drei Wochen Pause eine zweite Saisonvorbereitung nach vier absolvierten
Spieltagen also, und somit drei Wochen, die man als Fußballmannschaft
irgendwie auszufüllen hat. Möglichkeiten zum Zeitvertreib gibt
es viele:
Jürgen Klinsmann entschied sich einst, innerhalb von drei Wochen
eine Mannschaft topfit zu bekommen. Andere üben sich in Standarts,
probieren ein paar neue Spielzüge aus oder versuchen die Abschlussschwäche
zu bekämpfen.
Leipzig hätte nach einem Punkt aus den vorangegangenen Spielen gegen
Meuselwitz und Auerbach allen Grund gehabt, wenigstens einem Beispiel
zu folgen, beließ an Stelle dessen aber alles beim Alten und verpflichtete
lieber Giue-Mien.
Was danach berechtigterweise als Sensationskauf durch die Medien ging,
könnte meiner Meinung nach auch als Verzweiflungstat eines augenscheinlich
absolut untauglichen Beraters bezeichnet werden.
Mein Gott, wen will man eigentlich noch holen? Und wie masochistisch müssen
die Anhänger eigentlich sein wenn sie sich nach drei Wochen Pause
und dem Kader ein 2:1 gegen die Reserve von Jena sowie ein 0:1 in der
92. Minute gegen des Halleschen FC antun?
A pros pros Halle: Das Spiel vor knapp 9000 Zuschauern fand unter höchster
Sicherheitsstufe statt. Straßensperren, Polizei wohin man schaut,
Verhältnisse wie bei einer Gegendemonstration zu einem Naziaufmarsch.
Normalerweise wird man da von den Ordern bis auf die Unterwäsche
ausgezogen das heißt würde man, würde man denn
das Einlaßtor erreichen.
Für die fast ausverkaufte Fankurve, der Rest des Stadions blieb wie
immer leer, kalkulierten die Organisatoren mit sage und schreibe vier
Drehkreuzen. Wenn man also nach 40 Minuten Wartezeit an der Kasse endlich
in Spielfeldnähe kam, konnte man bereits am Horizont die Warteschlangen
sehen.
Kein Wunder, wenn jede Karte erst elektronisch gelesen und in 30% der
Fälle nicht sofort erkannt wird. Ein zweiter Eingang blieb übrigens
verschlossen, auch der Anpfiff wurde nicht verschoben, warum auch mal
einen Gedanken an die Fans verschwenden?.
Dilletantischer geht es kaum. Wozu ein Ticketsystem wie bei einer Weltmeisterschaft
solange man sich mit den Reserven von Cottbus und Erfurt duelliert?
Das Spiel gegen Halle dann eine einzige Offenbarung. Ein Torschuß
in der ersten Halbzeit bei einem Heimspiel kann getrost als schwach bezeichnet
werden. Das Verhalten der Gästefans übrigens auch. Während
des Spiels, das mit einer Anti-Rassismus-Aktion begonnen hatte, dunkelhäutige
Spieler des Gegners mit Affengebrüll zu verhöhnen, könnte
den Wiederholungstäter HFC teuer zu stehen kommen. Da hilft auch
die Entschuldigung des Halleschen Fanbeauftragten nichts. Wenn ich meine
hundert Problemfans kenne kann ich sie auch irgendwann mal festnageln.
Der Schiedsrichter und das Präsidium aus Halle wollen von all dem
nichts mitbekommen haben, ganz im Gegensatz zu den am weitesten wegstehenden
Anhängern aus Leipzig. Immerhin zeigten wir unser Bekenntnis und
forderten Nazis raus!
Einigen Ordner im Block dürften sich auch angesprochen gefühlt
haben wie weit muss es sein, dass ich als Ordner bei einem eher
linksorientierten Klub in Thor-Steiner-Hose aufkreuze? Von mir aus am
3.10 auf der Demo und dann mit einem Ziegelstein im Gesicht, aber doch
nicht bei einer politisch neutralen Veranstaltung.
Zurück zum Spiel. Leipzig verliert in letzter Minute, nachdem man
in 90 Minuten zuvor genau zwei Torchancen herausgegurkt hatte, verdient
mit 0:1. Rolf Heller will von einer Trainerdiskussion nichts wissen, die
Fans hingegen fordern die überfällige Ablösung.
Geyer ziert sich, wollte auf seine alten Tage vor allem ruhig abtreten,
auf keinen Fall aber als Oberliga-Trainer sein Comeback geben. Er wird
nicht anders können.
Drei Tage später beim Spiel in Chemnitz wissen nicht einmal die Spieler
wer auf der Bank sitzen wird. Es ist Leitzke. Geyer dirigiert das Spiel,
geht nach der Partie auf die Pressekonferenz und wird am nächsten
Tag offiziell als Chefcoach vorgestellt.
In Chemnitz wird vor 5000 Zuschauern an einem Mittwochabend, davon 700
aus Leipzig, genau eine Torchance für die Heimelf registriert. Dass
es trozdem unsere beste Saisonleistung war stimmt etwas versöhnlich
für einen Punkt beim Spitzenreiter, dessen Stadionsprecher
uns zu recht als Liga-Krösus verhöhnt, hat sich die Fahrt immerhin
gelohnt.
Freier Entritt, weil man in Chemnitz die Zahl der Gästefans falsch
kalkulierte, keine Karten mehr hatte und das Spiel nicht mehr als 15 Minuten
später anpfeiffen wollte, sowie ein tatsächlich gutes, spannendes,
wenn auch chancenarmes Oberligaspiel heben merklich die Stimmung.
Es muss einfach aufwärts gehen, es geht gar nicht mehr anders. Ein
Eduard Geyer wird sich nicht in der vierten Liga lächerlich machen
Schweißgeruch bis an die Grenzen Leipzigs dürften das
Mindeste sein was und jetzt erwartet. Mit etwas Glück kommen auch
ein wenig Taktik und vielleicht ab und zu ein gelungener Standart hinzu.
Bei so viel guten Nachrichten darf die letzte natürlich auch nicht
unerwähnt bleiben: Angeblich gibt es Kontakte zu einem potentiellen
Trikotsponsor, der Geyers Engagement auf der Bank als Bedingung gehabt
haben soll.
Dann wäre das auch noch geklärt. Bei uns fängt die Saison
eben erst am achten Spieltag an. Wenn es neben einem vernünftigen
Trainer noch Geld für die Vereinskasse eventuell für
einen neuen Stürmer gibt, kann es ja losgehen.
So viel jetzt erst recht hat es in Leutzsch lange nicht gegeben.
In diesem Sinne: grün-weiße Grüße nach Düsseldorf,
Pauli und Lübeck Chemie steigt wieder auf!
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