Gastkommentar von Jörg, 10.03.2006

Der schon vor Saisonbeginn verspielte Aufstieg

Die Fans des TSV 1860 München haben es in dieser Saison nicht einfach. Zuerst müssen sie ihr geliebtes Stadion an der Grünwalder Straße in Richtung Allianz Arena verlassen. Die Unterschiede zwischen dem baufälligen Sechzger-Stadion einerseits und dem topmodernen Superdome andererseits hier aufzuführen, würde den Rahmen sprengen. Betrachtet man allerdings das Spektrum zwischen Pommesbude und Edelrestaurant, so läßt sich der gewaltige Unterschied dieser beiden Stadien am besten darstellen.

Mit dieser gigantischen Arena im Rücken sollten die Gegner an die Wand gespielt werden.
Gerade die Spieler kleinerer Klubs wie Burghausen, Siegen oder Ahlen sollten hier vor Ehrfurcht erstarren. Selbst bei den Buchmachern wurde 1860 sogar noch vor Bochum als Aufstiegsfavorit Nr. 1 gehandelt. Der sportliche Erfolg schien nur noch Formsache zu sein. Die Fans träumten von der Bundesliga und es gab nicht wenige Optimisten, die sich bereits jetzt schon Chancen für einen internationalen Wettbewerb ausmalten und Benny Lauth erneut im Löwen-Trikot auflaufen sahen.
Die Wirklichkeit holte die weiß-blauen Fans recht unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück: In der Hinrunde konnten die Sechzger unter Coach Rainer Maurer zumindest noch einige Heimspiele glücklich gewinnen und eine ansehnliche Auswärtsbilanz vorweisen. In der Rückrunde allerdings brachen alle Dämme: Auswärts schon längst keine Macht mehr, mußte sich 1860 gerade in den Heimspielen gegen Ahlen und Offenbach aufgrund katastrophaler Mannschaftsleistungen jeweils mit einem mickrigen Remis zufrieden geben. Und das ausgerechnet gegen Teams, die in dieser Saison nicht gerade um die Aufstiegsplätze mitspielen.

Die Verpflichtung von Walter "Schoko" Schachner und Stefan Reuter brachten keine Besserung.
Im Gegenteil, daß Team wirkt seitdem völlig verunsichert und ganz ohne Selbstvertrauen. Hätte man doch endlich einen bekannten Trainer vom Schlage eines Ewald Lienen, eines Klaus Toppmöller oder auch Peter Neururer (der zu diesem Zeitpunkt noch ausschließlich für DSF moderierte) verpflichten sollen?

Schon seit Saisonbeginn versucht man an der Grünwalder Straße ganz ohne echte Stürmer auszukommen: Paul Agostino ist aufgrund seines Alters nur noch als Joker einsetzbar und diese Rolle füllt er recht ordentlich aus. Stefan Reisinger ist vermutlich der einzigste Stürmer im
deutschen Profifußball, der als Null-Tore-Goalgetter während der ganzen Saison Woche für Woche seine Chance bekommt. Vermutlich würde er aber nicht mal im Hasseröder-Pils-Cup der örtlichen D-Jugend treffen. Das Experiment, Mittelfeldmann Shao als Stürmer umzufunktionieren, blieb ohne zufriedenstellendes Ergebnis. Bleiben noch die Dauerreservisten Krontiris und Kolomaznik, die zuletzt ohne Esprit und Feuer aufliefen. Wer also soll die bitter benötigten Tore schießen?

So bleibt also festzuhalten, daß 1860 München bereits während der Sommerpause den Aufstieg verspielt hat. Trainer und Präsidium waren damals der festen Überzeugung, es seien keinen großartigen Verstärkungen notwendig. Hatte man dabei übersehen, wie erfahrene Zweitligaaufsteiger wie Bochum und Freiburg ihre Kader zusammenstellen?
Anstatt sich Aufstiegsträumereien hinzugeben, müssen die Löwen nun also aufpassen, nicht vom Abstiegsstrudel erfaßt zu werden. Nicht Bochum und Aachen, sondern Dresden und Saarbrücken heißen ab jetzt die unmittelbaren Konkurrenten.

Bei der Vielzahl arbeitsloser Fußballprofis erstaunt es aber doch, mit welch gleichgültiger Arbeitseinstellung die Herren Löwen-Profis zu Werke gehen und so der Regionalliga entgegenschlittern. Und nicht wenige Fans erinnern sich dabei wieder an graue Bayernliga-Jahre.