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Zeit für uns zu gehn!35.
bis 38. Spieltag
So, die erste Saison im Premiumprodukt
ist Geschichte. Wenn`s nach mir geht, dürfte es auch gleich die letzte
für Fortuna gewesen sein. Und da die Mannschaft mich anscheinend
irgendwann mal erhört hat, haben sie zumindest die Voraussetzungen
geschaffen, um diese Hoffnung meinerseits in die Tat umzusetzen. Aber
genug der Vorrede, wird eh etwas länger. Also gleich in die Vollen.
Am Sonntag, 10.05.09, musste Fortuna bei Eintracht Braunschweig antreten.
Fragte sich nur, wer es denn noch konnte. Der Ausfall der langzeitverletzten
Caillas und Sieger stand natürlich schon fest. In der Woche vor dem
Spiel ereignete sich dann allerdings eine Kette von Zwischenfällen
im Training, bei denen man sich nur noch fragen konnte, ob da eventuell
eine American Football-Truppe ohne entsprechende Ausrüstung trainiert,
die vor dem Training noch rohes Fleisch verkostet. Anders war das eigentlich
nicht mehr zu erklären. Zunächst prallte Stürmer Simon
Terodde mit Ersatzkeeper Michael Ratajczak zusammen. Diese Worte verharmlosen
allerdings, es muss wohl eher so gewesen sein, dass ein Panzer über
ein Fahrrad gerollt war. Denn anschließend verfügte Terodde
über drei gebrochene Rippen und einen Pneumothorax, musste ins Krankenhaus
gebracht werden. Saisonende für ihn.
Dann prallten Cebe und Lambertz bei einem Kopfballduell zusammen. Muss
wohl auch eins der intensiveren Art gewesen sein, Cebe anschließend
mit Beule und Schädelbrummen, Kapitän Lambertz musste eine Platzwunde
am Hinterkopf genäht werden. Einsatz in Braunschweig ungewiss. Das
wiederum muss Ersatz-Kapitän und Abwehrturm in der Schlacht Jens
Langeneke mächtig motiviert haben. Denn kurz darauf drosch der wütend
über irgendetwas den Ball in die Büsche und zog sich
dabei eine Innenbanddehnung zu. Nein, wir sind hier nicht im Komödienstadl,
all dies ereignete sich binnen drei Tagen vor dem Braunschweig-Spiel!
Und auch bei der Alternative zu den übrig gebliebenen Alternativen
galt es, Abstriche zu machen. Marcel Gaus, Stürmer aus der Zweiten
Mannschaft, war am Sonntag zuvor beim Spitzenspiel der Zwoten in Bonn
mit Rot vom Platz geflogen und für vier Spiele gesperrt worden. Diese
Sperre galt natürlich auch für die Erste Mannschaft, den konnten
wir ebenfalls abschreiben. Es war somit ein letztes Häuflein Aufrechter,
das sich gen Braunschweig aufmachte.
Ein ganz dicker Brocken, obwohl die im Mittelfeld der Tabelle standen,
jenseits von Gut und Böse. Die hatten in dieser Saison nur noch ein
Highlight, und das war das Spiel gegen uns. Nicht umsonst annoncierte
man schon zwei Wochen vor dem Spiel auf der vereinseigenen Website: Jetzt
alle gegen Düsseldorf! Man wollte die Fans noch einmal mobilisieren,
zu diesem Spiel zweier Traditionsmannschaften zu strömen. Taten sie
auch. Fortuna war die Mannschaft unter Zugzwang, als Tabellenvierter musste
das Spiel möglichst gewonnen werden. Zumal am Tag zuvor die Verfolgten
gepatzt hatten: Paderborn kam nur zu einem 3:3 beim VfR Aalen und hatte
dabei noch Riesenglück, denn der Ausgleich gelang erst kurz vor Schluss.
Unterhaching machte es noch besser und verlor mit 0:1 in Dresden, wobei
auch der Dresdner Siegtreffer praktisch erst mit dem Schlusspfiff fiel.
Zum wiederholten Mal eine Vorlage für Fortuna, weiter oben ranzukommen.
Ganz oben freilich nicht mehr, denn Union Berlin besiegte Jahn Regensburg
mit 2:0 und stand damit als erster Aufsteiger und Meister fest. Blieb
also noch Platz 2 als direkter Aufstiegsplatz und Platz 3 als Relegations-Trostpreis.
Nach den Ergebnissen des Vortags konnte Fortuna mit einem Sieg Unterhaching
überholen und mit Paderborn nach Punkten gleichziehen. Dass Braunschweig
dies verhindern und seinen Fans noch einmal ein großes Spiel würde
bieten wollen, war klar. Es war also alles gerichtet für ein gutes,
spannendes Spiel zweier Mannschaften mit großen Vereinsnamen. Es
wurde eins. Es wurde sogar mehr, möchte ich ohne Übertreibung
sagen: es wurde Legende. In allen Belangen.
10.05.2009 Prolog
An jenem Sonntag brechen wir gegen 8.30 Uhr von Bonn aus auf. Eine knappe
Viertelstunde später passiert schon etwas, das ahnen lässt,
dass der Tag nicht ganz normal verlaufen wird: meine furchtlose Fahrerin
überfährt auf der A 59 eine Ratte. Nicht dass sie mit 180 Sachen
quer über die Standspur geschliddert wäre, nur um das Vieh auch
bestimmt zu erwischen. Nein, der kleine Nager hat bei seinem Sprint von
der Leitplanke quer über die Fahrbahn einfach nur schlechtes Timing.
Oder perfektes, ganz wie man es nimmt, denn er schafft es auf den Punkt
genau unter den rechten Vorderreifen. Bremsen kommt natürlich nicht
in Betracht, und so haben wir den ersten Ausfall des Spiels. Wie die Fortuna-Spieler
in der Woche zuvor sich selbst, so haben wir nun die Rattenpopulation
des Rhein-Sieg-Kreises dezimiert. Eigentlich schade, ich mag kleine Nager.
Aber wer in einer solchen Situation auf der Autobahn bremst, ist selbst
Schuld, und deshalb war es völlig zu Recht auch unterblieben.
Die Fahrt geht weiter zügig nach Nordosten. Wir kommen gut voran,
haben im Zeitplan ordentlich Luft nach vorne. Auf der A 2 begegnen wir
immer mehr Autos mit weithin sichtbaren Fortuna-Utensilien in der Heckscheibe
oder aus dem Seitenfenster hängend. Das verspricht wieder, ein schöner
Auswärtsmob zu werden.
Kurz vor Bielefeld überholen wir auf der Mittelspur ein Sportcoupé,
dessen Fahrer auf der rechten Spur anscheinend das traumhaft schöne
Wetter genießen will. Oder etwa doch nicht? Denn kaum sind wir an
ihm vorbei, höre ich einen Motor mächtig aufröhren und
rechne damit, dass der gute Mann uns jetzt mal zeigen will, was er unter
der Haube hat und uns rechts überholen wird. Dem will ich mit einem
Was für ein Proll! Ausdruck verleihen. Aber bevor ich
es über die Lippen bringe, flucht meine Fahrerin beeindruckend kräftig,
sieht mich an und sagt: Das sind wir
Tja, da hat sich
wohl spontan ein Teil des Auspuffs verabschiedet. Jedes Mal, wenn sie
aufs Gas drückt, denke ich, wir wären beim Start der DTM. Jetzt
kann man nur noch hoffen, dass nicht das ganze Teil über die Autobahn
verstreut liegt.
Die nächste Ausfahrt ist Bielefeld. Ja gut, kennt man ja auch schon.
Egal, runter von der Bahn, über eine Bundesstraße, und dann
in ein Gewerbegebiet. Auf einem großen Parkplatz halten wir an und
begutachten den Unterboden. Zum Glück sind nur Teile des Endschalldämpfers
irgendwie nicht mehr da, der Auspuff an sich hängt, wie er hängen
soll. Es ist 10.30 Uhr, und wir rufen den ADAC, hoffend, dass es sich
tatsächlich um den Gelben Engel handeln wird.
Es dauert eine Dreiviertelstunde, bis das Pannenauto am Ort des Geschehens
eintrifft, und das, obwohl wir in der einzigen Ansammlung von Häusern
gelandet sind, die man in der näheren Umgebung als Großstadt
bezeichnen könnte. Aber auch in Bielefeld ist es nun mal Sonntag
Mittag. Da müssen sie wohl erst jemandem vom Schweinebraten weg in
Marsch setzen.
In der Zwischenzeit stellen wir fest, dass wir bei der Nr. 1 gelandet
sind. Dies nämlich verkündet ein riesiges Werbebanner eines
großes Möbelhauses, welches sich am Nachbarparkplatz breit
macht: Herzlich willkommen bei der Nr. 1 in OWL! Ja doch,
super. Wenn ich mal die Nr. 1 von Ostwestfalen-Lippe sein sollte, würde
ich mir auch so ein Banner vor die Tür hängen. Ist wahrscheinlich
nur, um Möbel Finke aus Paderborn zu ärgern
Endlich erscheint die helfende Hand vom Pannenhilfsverband. Der bockt
die Karre einseitig hoch und krabbelt drunter. Ich hoffe für ihn,
dass er jetzt nix Falsches sagt wie z.B. Damit können Sie aber
nicht weiterfahren!, denn dann besteht die akute Gefahr, dass wir
aus lauter Enttäuschung den Wagen mal schnell wieder abbocken. Wenn
er Glück hat, kommt er bis dahin sogar drunter hervor
Zunächst muss er allerdings gar nichts sagen. Mit einem Schraubenzieher
stochert er am Auspuff herum und man hört tatsächlich, wie die
Rostflocken nur so zu Boden rieseln. Wenn er gleich Au! schreit,
ist ihm der Rest des Auspuffs entgegen gekommen, so meine Befürchtung.
Aber das bleibt zum Glück aus. Er robbt unter dem Wagen hervor, bedenkt
uns mit dem kummervollen Blick eines Pfarrers nach dem Trauergottesdienst,
macht sich aber tatsächlich an seiner Pannenausrüstung zu schaffen.
Ein Hoffnungsschimmer. Und was für eine Ausrüstung der dabei
hat! Meiner Fahrerin, von Beruf Technikerin, geht das Herz auf, als sie
sieht, wie der Mann nunmehr anfängt, ein Spreizrohr mit Feile und
Mini-Flex zu bearbeiten. Man sieht, sie würde das ganze Zeugs am
liebsten anschließend konfiszieren. Die handwerklichen Fähigkeiten
des Mannes haben aber auch noch einen anderen Besucher angelockt, einen
älteren Herrn, der eindeutig nicht von dieser Welt ist. Der rollt
mit einem dicken BMW nebst Gattin auf dem Beifahrersitz auf den Parkplatz.
Dann steigt er aus, die Gattin verbleibt im Wagen, der Motor läuft
noch. Interessiert beschaut er sich die Tätigkeiten, die er geboten
bekommt. Anschließend die fürsorgliche Gattin hat in
der Zwischenzeit nach fünf Minuten den Zündschlüssel gezogen,
hoffentlich gibt das zuhause keinen Ärger geht er auf die
Straße zurück und hüpft mehrere Minuten ordentlich rum,
um vorbei fahrende Autos auf sich aufmerksam zu machen, was ihm nicht
gelingt. Dann kehrt er zurück, schaut wieder ganz interessiert, steigt
schließlich in den Wagen und fährt davon. Das alles, ohne ein
Wort zu sagen! Man weiß also nicht, was mit ihm los ist. Aber ich
weiß nun: Du kannst hierzulande anscheinend nicht mal eine kleine
Reparatur von einer Fachkraft auf einem Parkplatz durchführen lassen,
ohne dass sich nicht doch mindestens einer findet, der dabei zusehen muss.
Unser Fachmann ist inzwischen mit seiner Arbeit fertig. Zunächst
versichert er, dass der Auspuff selbst bombenfest ist, kein Grund zur
Besorgnis. Für den Endschalldämpfer hat er jetzt ein Provisorium
gebastelt. Daraufhin entwickelt sich folgender Dialog zwischen ihm und
der Fahrerin: Er: Wo müssen Sie denn noch hin?
Sie: Nach Braunschweig... Er (winkt lässig ab):
Bis dahin hält das auf jeden Fall! Sie:
und
anschließend zurück nach Bonn und Aachen! Er:
Heute noch??? Sie: Ja! Er: Tja,
ob das bis dahin hält, dass kann ich nicht versprechen. Viel Glück!
Och, wir sind da positiv gestimmt, erstmal weiter, weiter! Die ganze Angelegenheit
hat uns über eine Stunde gekostet. Zum Schluss demonstriert er noch,
dass wir eindeutig in Deutschland sind, indem er versucht, uns noch eine
Verbesserung des bestehenden Versicherungsschutzes anzutragen. Ja doch,
wo müssen wir unterschreiben? Ich bestell auch ne Waschmaschine,
wenn es endlich weiter geht! Und das geht es dann auch. Bis nach Braunschweig
und wieder nach Hause wird das Provisorium halten. Und das, obwohl wir
den guten Mann vom Mittagessen weg geholt haben. Manchmal findet man auch
in der Servicewüste ein dienstbares Körnchen!
Also wieder rauf auf die Bahn und weiter. Jetzt rentiert sich unser Zeitplan,
diese eine Stunde haben wir eigentlich immer im Gepäck. Und da die
Pause ja nu wirklich lang genug war, brauchen wir jetzt auch nicht mehr
anhalten. Gegen viertel nach eins erreichen wir das Stadion. Die Parkplatzsuche
in den Wohngebieten in der Nähe des Stadions ist schnell abgeschlossen,
es gibt schon keine mehr. Aus allen Ecken strömen die Leute zusammen.
Wir müssen schließlich zurück zu einem Schützenplatz,
der als gebührenpflichtiger Parkplatz bereitgestellt wird. Ist zwar
jede Menge Platz, aber auch noch jede Menge zu laufen. Aber wir schaffen
es. Trotz Autopanne eine Viertelstunde vor Spielbeginn im Stadion. Perfektes
Timing, wenn ich uns mal selbst loben darf. Schnell auf die Tribüne,
eine Mannschaftsaufstellung besorgt, Langeneke spielt tatsächlich
nicht, dafür aber Lambertz, immerhin. Es kann losgehen.
Es geht los.
10.05.2009 Legende
1:0 Morabit (1.)
1:1 Christ (11., Foulelfmeter)
1:2 Jovanovic (12.)
Melka hält Foulelfmeter von Dogan (20.)
Melka hält Foulelfmeter von Boland (40.)
2:2 Lenze (49., Foulelfmeter)
2:3 Lambertz (51.)
3:3 Lenze (52.)
3:4 Costa (54.)
4:4 Boland (62.)
4:5 Christ (85.)
5:5 Wamser (90.)
Was soll man über ein solches Spiel schreiben? Eigentlich wäre
ein Roman angebracht. Denn mal Hand aufs Herz wie oft im Leben
bekommt man so etwas geboten? Wie viele Kilometer reißt man für
seinen Verein ab, bevor man einmal bei einem solchen Spiel im Stadion
sitzt? Ein Spiel, welches im Minutentakt zu völlig unterschiedlichen
Gefühlsausbrüchen hinreißt, um einen hinterher nur fassungslos
verstummen zu lassen, weil wirklich jede Steigerung, die man sich während
des Spiels vorstellen kann, dann auch tatsächlich eintritt? Ja gut,
wenn ich mir genug in- und ausländische Ligen im Bezahlfernsehen
zusammenkaufe, dann sehe ich im Laufe einer Saison vielleicht einige Spiele
der Kategorie unglaublich, ist ja rein statistische Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Man mag sich dann auch immer glänzend unterhalten fühlen und
der Meinung sein, das entsprechende Abo habe sich doch voll gelohnt. Meinetwegen.
Aber eins, das kann man dann nicht: am Ende eines Spiels fassungslos nach
oben aufs Tribünendach starren, weil der letzte Höhepunkt des
Spiels dann doch einer des Gegners war und trotzdem gleichzeitig
denken: Schön, dass ich dabei war...
Ich habe relativ ausschweifend beschrieben, wie lang die Anfahrt diesmal
dauerte, von welchen Hindernissen sie geprägt war. Nach all diesen
Irrungen und Wirrungen kommt man tatsächlich pünktlich ins Stadion,
nimmt seinen Platz ein, der Schiri pfeift das Spiel an, man ist froh,
es rechtzeitig geschafft zu haben und darf dann Folgendes ansehen:
erster Angriff Braunschweig über links, flache Hereingabe in den
Sechzehner, in Höhe des kurzen Pfostens kommt Onuegbu an den Ball
und steht plötzlich frei vor Melka. Halloooo? Der kann den Schuss
aus Nahdistanz zwar noch herausragend abwehren, aber den Abpraller stochert
Onuegbu noch mal nach vorne und Morabit dann aus drei Metern über
die Linie 1:0 für Braunschweig nach 45 Sekunden. Unglaublich.
Und es geht dermaßen weiter, dass man meint, der Mann vom ADAC hätte
sich doch dafür wirklich nicht so beeilen müssen. Bereits in
der 4. Minute sieht Heidinger nach einer Blutgrätsche im Mittelkreis
Gelb, ich bin sicher, passiert so was in der 75. Minute, ist das glatt
Rot. Heidi hat Glück und spielt fortan auf Bewährung. Nur zwei
Minuten später scheint das Debakel seinen Lauf zu nehmen, als ein
Braunschweiger aus ca. 15 Metern wieder völlig frei zum Abschluss
kommt. Er schlenzt den Ball rechts um Melka herum, und das Ding passt
genau in den Winkel da packt unser Torwart einen Riesen-Reflex
aus und kratzt den Ball mit der linken Hand noch aus dem oberen Toreck.
Ich denke, ein 2:0 wäre bereits die Entscheidung gewesen. Die Abwehr
ist ohne Koordinator Langeneke vogelwild, drischt die Bälle nur unkontrolliert
nach vorne, Braunschweig powert, was das Zeug hält. Sicherlich nicht
nur mir, sondern auch einigen anderen der 2.500 mitgereisten Fortuna-Fans
unter den 14.000 Zuschauern wird in den ersten zehn Minuten angst und
bange.
Aber dann werden wir Zeuge, wie schnell sich der Wind drehen kann. In
der 11. Minute der erste ernsthafte Angriff der Fortuna. Langer Ball rechts
in den Strafraum auf Heidinger, der will zur Grundlinie ziehen, und sein
Gegenspieler tritt ihm versehentlich in die Hacken. Klare Sache, der Assistent,
genau auf Ballhöhe, reißt sofort die Fahne hoch, der Schiri
pfeift, und kein Braunschweiger protestiert. Christ verwandelt den Elfmeter
sicher, und es heißt 1:1, ohne dass Fortuna bis dahin eine Torchance
gehabt hätte. Durchatmen.
Aber nicht zu lang, denn ansonsten ist Schnappatmung angesagt: Braunschweig
vertändelt nach dem Anstoß den Ball, Fortuna geht vor, Jovanovic
erhält die Kugel. Er ist relativ unbedrängt von irgendwelchen
Gegenspielern, so ca. 20 Meter vor dem gegnerischen Tor. Er schaut er
sich kurz um, und da er keine Anspielstation findet, schießt er
den Ball einfach ins Tor. Aufsetzer aus 18 Metern unten rechts ins Eck
1:2. Spiel gedreht binnen sechzig Sekunden und meines Wissens der
erste Treffer von Jovanovic überhaupt für Fortuna, den er von
außerhalb des Sechzehners erzielt.
Und während man sich noch die Augen reibt, ob man auch alles richtig
gesehen hat, geht es auf der anderen Seite direkt weiter. Denn schließlich
spielt auch noch ein Schiri mit. Der heißt Daniel Siebert und kommt
Zufall, Zufall aus Berlin. Nach diesem schwungvollen Beginn
gedenkt er wohl, auch mal ein wenig einzugreifen und verhält sich
dabei wie ein Aushilfskellner aus dem Café King. Seine erste Aufgabe
lautet anscheinend Konzessionsentscheidung. Vielleicht war
er auch von der Entscheidung seines Assis beim Elfmeter nicht völlig
überzeugt, wollte diesen aber nicht überstimmen, weil er die
Szene nicht genau gesehen hatte. Auf jeden Fall findet er wohl, dass nun
auch Braunschweig so ein Elfmetertor zusteht. Und schon einige Minuten
später ergibt sich die Gelegenheit: wieder ein toller Pass in den
Strafraum auf Onuegbu, der Typ ist wirklich eine Dampframme, hoch mal
breit. Er setzt sich durch, Melka kommt heraus, Onuegbu legt den Ball
an Melka vorbei und dreht schon einen halben Meter vor dem Keeper den
rechten Fuß in dessen Schulter. Wie von einem Magneten angezogen,
saugt er sich ins Schulterpolster von Melka und dreht natürlich anschließend
die pflichtgemäße Pirouette. Ein Pfiff ertönt, ich rechne
mit Freistoß Fortuna und vielleicht Gelb für Onuegbu
stattdessen gibt es Elfmeter für Braunschweig. Na klar.
Dogan legt sich den Ball zurecht, läuft an, schießt nach links
und scheitert an Melka. Es bleibt beim 1:2. Auf der Tribüne
wird erstmals Baldrian gefordert.
Die nächsten 20 Minuten geht es munter hin und her, Chancen und gefährliche
Situationen hüben wie drüben im Minutentakt. Man kommt aus dem
Staunen gar nicht mehr raus. In der 40. Minute erinnert sich der Schiri
daran, dass die Konzessionsentscheidung leider nicht zum gewünschten
Ergebnis geführt hat. Rechts dringt Danneberg in den Strafraum ein,
stolpert anschließend und fällt Grund genug, mal wieder
Elfmeter zu pfeifen. So etwas ist für mich noch nicht mal grenzwertig,
es sei denn, es gäbe wegen solcher Szenen so circa drei Elfmeter
pro Spiel. In jedem Spiel, versteht sich.
Dogan mag nicht mehr, es kommt Boland. Der läuft an, schießt
nach rechts und wieder kann Melka parieren! Unglaublich, der hält
in der ganzen Saison keinen Elfer, kassiert beim Pokal-Aus in Essen gleich
neun Stück vom Punkt, ohne eine Chance zu haben, hier hält er
binnen 20 Minuten zwei Strafstöße! Auf der Tribüne wird
laut über Klosterfrau Melissengeist nachgedacht.
Dann hat der Schiri ein Einsehen und pfeift ab. Pause. 2:1 für Fortuna,
sicherlich glücklich, Braunschweig hätte den Ausgleich verdient,
liefert ein Riesenspiel ab, besonders läuferisch, oft aber zu ungestüm.
Trotzdem waren natürlich genug Chancen da.
In der Pause wird diskutiert, Tenor: so was haben wir noch nicht erlebt.
Rückstand nach noch nicht mal einer Minute, dann binnen einer Minute
das Spiel gedreht, zwei Elfer abgewehrt. Wahnsinn ist das Wort, das vielen
über die Lippen kommt. Aber mit Wahnsinn hat das gar nichts zu tun.
Der Wahnsinn beginnt erst jetzt.
Zu Beginn der zweiten Halbzeit bringt Trainer Meier in der Abwehr Clement
Halet für den völlig indisponierten Robert Palikuca, der einen
rabenschwarzen Tag erwischt hat. Ich schicke innerlich ein Stoßgebet
zum Himmel, dass Halet hoffentlich nicht auch mit dem linken Fuß
aufgestanden ist wie sein Vorgänger, da passiert Folgendes: Flanke
von rechts, weit hinter die Abwehr, ein Braunschweiger dreht links von
der Seite in den Strafraum ein, Halet eilt ihm entgegen, stolpert dabei
über seine eigenen Füße und legt sich lang. Der Braunschweiger,
anstatt lässig um den Tollpatsch herum Richtung Tor einzudrehen,
stoppt ab und absolviert seine pflichtbewusste Hechtrolle. Schiri Siebert
stellt erfreut fest, dass schon wieder jemand am Boden liegt und pfeift
mal wieder Elfmeter. Den vierten im Spiel, den dritten für Braunschweig,
und wieder mal einer, den man nur mit ganz viel Augenzudrücken geben
kann.
Da bei den Braunschweigern verständlicherweise jeder mal darf, kommt
jetzt Christian Lenze, und der trifft endlich, endlich links unten zum
2:2. Wahrscheinlich hätte der Schiri sonst noch drei Elfer gegeben,
bis die einen rein machen. So hat er seine Mission erfüllt, für
den Rest der Spielzeit gibt es keine Strafstöße mehr. Es wird
die Stunde der Freistöße schlagen.
Ausgleich in der 49. Minute. Der Auftakt zu den unglaublichsten fünf
Minuten, an die ich mich erinnern kann, und mein Gedächtnis ist noch
ziemlich gut. Einen Tag nach der Partie gab der Stadionsprecher einer
Zeitung (Name vergessen) ein Interview zum Spiel meines Lebens.
Befragt, wie er sich zwischen der 49. und 54. Minute fühlte, antwortete
er: Das waren keine Durchsagen mehr, das war schon eine Diskussion.
In der Tat, denn kaum hatte er mal zwischendurch Luft geholt, musste er
die Schnatterbox schon wieder einschalten. Im Schnelldurchlauf liest sich
das dann so: 49. Minute, Elfmeter Lenze 2:2. Anstoß, Ball
nach vorne, Freistoß Christ von halblinks in den Strafraum, Abpraller,
und im Nachschuss macht Lambertz das 2:3 (51.). Anstoß, Ball nach
vorne, Freistoß Braunschweig von rechts, Abpraller, und im Nachschuss
macht Lenze den Ball rein 3:3 (52.). Anstoß, Ball nach vorne,
Freistoß Christ von halbrechts, als Flanke in den Strafraum, Claus
Costa köpft aus ca. 10 Metern und die Kugel senkt sich am kurzen
Pfosten ins Eck 3:4. Wahnsinn das einzige Wort, das einem
dazu noch einfällt. Jetzt stimmt es. Und ist noch längst nicht
das Ende.
Fünf Minuten danach muss Axel Lawaree alles klar machen. Heidinger
hat sich links im Strafraum durchgesetzt und versucht einen Schlenzer
in die rechte Ecke. Wieder einmal pariert Braunschweig-Keeper Lauenstein
großartig (eigentlich nur der Ersatzmann, Stammtorwart Fejzic ist
gesperrt), aber der Abpraller fällt genau Lawaree vor die Füße,
sechs Meter vor dem Tor, Selbiges ist leer. Und unser Stürmer kriegt
seine Beine nicht sortiert und bringt nur einen Kullerball zustande, an
den der am Boden liegende Lauenstein noch eine Hand dran bringt und der
anschließend von einem Abwehrspieler in aller Seelenruhe noch vor
der Linie geklärt werden kann. Wer weiß, was in diesem Spiel
noch so alles passiert, aber ein Zwei-Tore-Rückstand könnte
dem Gastgeber den Zahn vielleicht ziehen. Stattdessen geht es wieder in
die andere Richtung. In der 64. Minute Freistoß für Braunschweig
rechts an der Seitenlinie, auf Strafraumhöhe. Selbst eingefleischte
Braunschweiger neben mir auf der Tribüne können das Kichern
nicht lassen, denn die Entscheidung ist wieder mal ein Witz. Nicht allerdings
das, was die Gastgeber daraus machen: die Pille wird hart in den Strafraum
gebracht, unsere Chaos-Abwehr ist anscheinend richtig stolz, schon seit
zehn Minuten kein Gegentor mehr kassiert zu haben und stellt mal wieder
den Betrieb ein, der Ball fliegt bis auf die Höhe langer Pfosten,
dort rauscht Boland heran und versenkt die Kugel per Flugkopfball
4:4. Irgendwie schon nicht mehr überraschend.
Danach wird es etwas ruhiger, auch wenn das Tempo immer noch hoch ist,
man gönnt sich keine Verschnaufpause, nur klare Torchancen springen
dabei nicht mehr heraus. Eine Viertelstunde vor Schluss tritt Marco Christ
mal wieder zum Freistoß an, halblinke Position, Entfernung ca. 20
Meter. Wieder rechnet alles mit einer Flanke, doch diesmal haut Christ
direkt drauf, ein echter Flatterball Richtung rechtes oberes Eck. Dann
klatscht es mal kurz, und die Kugel ist gegen die Unterkante der Latte
geflogen. Der Abpraller springt kurz wie eine Flipperkugel durch den Fünf-Meter-Raum,
dann kriegt ihn Jovanovic aus kurzer Distanz nicht ins Tor. Okay, in diesem
Fall ist nicht nur er überrascht, als der Ball aufgrund seines Effets
praktisch wie ein Stein von der Latte wieder runter fällt, aber Torriecher
ist irgendwie was Anderes.
85. Minute: so langsam könnte man meinen, beide Teams haben sich
mit dem Unentschieden abgefunden, auch hat das Spiel bei diesen Temperaturen
natürlich viel Kraft gekostet. Da spielt Christ noch einmal einen
Super-Pass in den Lauf des eingewechselten Cebe. Dessen Gegenspieler Rodrigues
hat gepennt, spurtet hinter Cebe her, und reißt ihn kurz vor dem
Sechzehner um. Freistoß, klare Sache. Und ebenso klar Rot für
Rodrigues, denn Cebe ging allein aufs Tor zu. Nicht aber für Schiri
Siebert. Der stellt anscheinend im Geiste blitzartig eine Rechnung an,
bei der selbst Einstein vor Neid erblasst wäre und scheint zu der
Lösung zu gelangen, dass ein mehrere Meter entfernter Abwehrspieler
eventuell noch hätte eingreifen können, wenn man die nächste
Mondfinsternis und die Krümmung des Raums dazu rechnet. Er zeigt
Rodrigues nur Gelb. Über diesen Witz kann man noch nicht einmal mehr
den Kopf schütteln. Schön, wenn dann die Strafe auf dem Fuß
folgt: Zur Abwechslung folgt ja nun ein Freistoß. Und den haut Christ
mit einem Schritt Anlauf rechts über die Mauer in den Winkel
4:5. Das muss es doch sein! Überschwänglicher Jubel auf dem
Platz und an der Seitenlinie.
Leider vergessen wir dabei eins: an einem solchen Tag, an dem offensiv
alles klappt und beide Defensiven mit Ausnahme der Torhüter Erholungsurlaub
nehmen, an solch einem Tag, an dem beide Teams unermüdlich nach vorne
spielen warum sollte es da nur Fortuna möglich sein, ein vergleichsweise
simples Tor mit einem Schritt Anlauf zu erzielen? Und so kommt was kommen
muss, Braunschweig gleicht in der 90. Minute aus und benötigt dafür
nur drei Schritte mehr als zuvor Christ: Mit vier Schritten Anlauf schleudern
sie einen Einwurf weit in den Strafraum, und der erst kurz zuvor eingewechselte
Wamser bekommt den Kopf an die Kugel, drückt sie Richtung langes
Eck. Melka ist noch dran, aber der Ball ist zu lang und sitzt 5:5.
Unfassbar, unerreicht.
So richtig überrascht hat mich das nicht. Denn wie schon gesagt,
irgendwie hatte ich den Eindruck, gelingt den Braunschweigern der Treffer
nicht, dann gibt der Schiri halt noch ein paar Elfer mehr. Wäre ja
auch nicht groß aufgefallen.
Eine Minute später ist die Partie zu Ende. Fünf Auswechslungen
in der zweiten Halbzeit, sieben Tore, ein Elfmeter, ungezählte Freistöße,
Verletzungsunterberechungen und Herr Siebert lässt genau eine
Minute nachspielen, pfeift auch noch schön mitten in einem Fortuna-Konter
ab. Ich hoffe, ich habe ihn zum letzten Mal gesehen.
Ein denkwürdiges Spiel ist beendet. Es hätte auch ganz locker
8:8 ausgehen können. Fortuna erscheint als Verlierer, man hat viermal
eine Führung aus der Hand gegeben und in der Schlussminute den entscheidenden
Ausgleich kassiert. Keine Frage, das Unentschieden ist verdient für
Braunschweig, die haben eine fantastische Leistung geboten, man fragt
sich, was die auf Platz 12 in der Tabelle zu suchen haben. Und dennoch:
Es herrscht allgemeine Fassungslosigkeit. Und dann doch die Erkenntnis,
bei einem Spiel dabei gewesen zu sein, wie man vielleicht nie wieder eines
sehen wird. Legendär eben schon direkt nach dem Abpfiff.
10.05.2009 Epilog
Reichlich sprachlos machen wir uns auf den Heimweg. Der verläuft
zunächst reibungslos, sowohl Auspuff als auch Verkehr machen keinerlei
Zicken. Bis zum Kamener Kreuz. Der Verkehrsknotenpunkt, an dem man von
der A 2 auf die A 1 wechselt, ist derzeit eine kilometerlange Baustelle.
Und jetzt, am späten Nachmittag, gibt es auch einen kilometerlangen
Stau. Wir zücken den Atlas, fahren in Hamm ab und wollen uns über
Unna und die A 44 direkt auf die A 1 vorkämpfen. Aber in Unna gibt
es das Autobahnkreuz Unna-Ost, da ist ebenfalls eine Baustelle und ebenfalls
Stau. Also beschließen wir, über Holzwickede auf die B 1 in
Dortmund vorzustoßen. Und stranden eigentlich recht grandios, denn
in Holzwickede gibt es eins leider nicht im Überfluss Hinweisschilder.
Es stehen einfach keine da. Die Krönung ist eine Kreuzung, an der
ein Schild Richtung B 1 ausweist, wir fahren in die angezeigte
Richtung und stehen einige hundert Meter weiter vor einem Kreisverkehr
ohne die geringste Ausschilderung. Ja prima! Aus der Lotterie eine
aus drei möglichen Richtungen wählen wir mit geradeaus
anscheinend den Zonk, denn nach einer Viertelstunde Umherkurvens auf üblen
Landstraßen sind wir plötzlich wieder in Holzwickede, nur von
der anderen Seite. Wir durchqueren das Nest gefühlt aus allen Himmelsrichtungen,
bis wir eher zufällig in Dortmund-Sölde stehen, und zwar am
Ground des VfR Sölde, einem großen alten Namen aus noch älteren
Oberliga-West-Zeiten. Von dort geht es dann endlich irgendwie auf die
B 1 und dann wieder auf die A 2 zurück. Und wenn man bedenkt, dass
es am Kamener Kreuz nach späterer Durchsage ca. 10 km Stau waren,
und auf der A 1 ebenfalls einige Kilometer, dann haben wir auch durch
diese kleine Westfalen.Irrfahrt sogar noch Zeit gut gemacht. Und viel
gesehen. Als Fazit bleibt: Holzwickede da will ich nie wieder hin.
Der Rest der Heimfahrt verläuft störungsfrei. Und nun mag sich
der geneigte Leser fragen: musste das denn so ausführlich sein? Nach
kurzem Nachdenken sage ich: ja. So ein Spiel kommentiere ich nur einmal
im Leben, glaube ich, das muss man ausnutzen. Aber es hat noch einen anderen
Grund: von dem Spiel gab es genau 32 Sekunden in der ARD-Sportschau zu
sehen. Das reichte gerade mal für die letzten vier Tore. Keine Elfer-Entscheidungen,
keine Zeitlupen, nichts. Der NDR, der die Aufnahmen gemacht haben muss,
zeigte gar nur den 5:5-Ausgleich in seiner Sportsendung am Abend. Der
DFB erklärte auf Anfrage, natürlich läge den Sendern die
Programmgestaltung frei und man habe keinen Einfluss darauf. Dies stimmt
sicherlich, aber wenn ein Spiel in einem Premiumprodukt 5:5
ausgeht, und man macht als Inhaber dieses Produkts
noch nicht mal Werbung dafür, doch vielleicht ausnahmsweise 5 Minuten
davon zu zeigen anstatt einige Sekunden
nun damit zeigt man sehr
schön, was man von dem eigenen Produkt hält. Dass sich die Fernsehanstalten
dafür einen Dreck interessieren, weiß ja jeder schon lange.
Die ARD erklärte auf Anfrage, man habe für das Spiel 32 Sekunden
im Nachrichtenblock vorgesehen und könne natürlich nicht flexibel
mal eben den Sendeplan umstellen. Also egal, ob 0:0 oder 5:5 es
kommen 32 Sekunden, und sonst nichts. Der NDR erklärte auf Anfrage,
er ziehe das Spiel nicht auf VHS oder DVD und verkaufe es dem Anfragenden
für bis zu 200 Euro man habe Angst davor, dass es weiter kopiert
und anschließend bei eBay eingestellt wird. Zeigen wollen sie es
aber augenscheinlich auch nicht. Fragt sich nur, warum sie überhaupt
Kameras im Stadion hatten. Wahrscheinlich ist der NDR ein gemeinnütziger
Verein und wollte verdienten Kameraleuten mal einen Tag im Stadion gönnen,
gerade bei dem schönen Wetter. Eine andere Erklärung habe ich
nicht. Schon gar keine logische.
Und so bleibt es für die einen 14.000 an der Zahl so
etwas wie ein Jahrhundertspiel, für die anderen Millionen
Fernsehzuschauer , die dem DFB doch soooo wichtig sind, eine 32sekündige
Zusammenfassung mit ein paar Toren, die man zwei Minuten später wieder
vergessen hat. Es hätte eine so tolle Werbung sein können. Aber
an Werbung mit ihren Drittklässlern ist anscheinend selbst der DFB
nicht interessiert.
Die Null gegen Nulle
Schon am Mittwoch, den 13.05.2009, ging es in der Liga für Fortuna
weiter. Englische Woche war angesagt, Gegner der höchst abstiegsgefährdete
Zweitliga-Absteiger Carl Zeiss Jena. Und natürlich will ich nicht
über irgendwelche Belastungen jammern, schließlich gab es diese
englische Woche für alle Mannschaften in den obersten drei Ligen.
Für alle bis auf eine. Die hieß dummerweise (für uns)
Carl Zeiss Jena. Da das Jenaer Stadion nämlich am Wochenende unseres
Spiels in Braunschweig durch die U 17-Europameisterschaft belegt war,
hatte Jena sein Spiel gegen die Stuttgarter Kickers vorgezogen auf den
05.05.2009. Dies bedeutete für unser Team nach dem Braunschweig-Hammer
zwei volle Tage Pause (Montag, Dienstag), für Jena deren sieben nach
ihrem letzten Spiel. Wie gesagt, soll keine Ausrede sein, nur ein weiteres
Beispiel, wie unglaublich gut der DFB die entscheidende Phase seines Premiumprodukts
organisiert. Und angesichts unserer Verletztenliste durchaus beklagenswert.
Da diese Wochenspieltage immer zweigeteilt sind, konnte man schon am Dienstag
sehen, was Paderborn so zuhause gegen Werder Bremen II machen würde.
Ca. 20 Minuten nach Spielbeginn schaltete ich versuchsweise mal den WDR-Videotext
ein es stand 2:0 für Werder II. Das konnte ich nicht glauben
und zappte einige Live-Ticker und Videotexte durch, aber es stimmte
Werder führte 2:0 in Paderborn. Danach rührte ich den Videotext
anderthalb Stunden lang nicht an, und siehe da dies war auch das
Endergebnis. Wieder eine Steilvorlage für Fortuna. In Paderborn war
man so begeistert, dass man nach dem Spiel Trainer Pavel Dotchev entließ
und die Suspendierung von Stürmer Güvenisik blitzartig wieder
aufhob. Anzeichen nackter Panik.
Und diesmal nutzten wir die Chance. Ziemlich platte Fortunen zitterten
sich zu einem 1:0-Sieg gegen Carl Zeiss. Vor 14.000 Zuschauern merkte
man den Spielern doch phasenweise an, wie viel Kraft das Spiel in Braunschweig
gekostet hatte. Man war in der 1. Halbzeit zwar überlegen und hatte
mehrere Chancen, Costa hatte Pech mit einem Kopfballheber auf die Latte,
und Christ scheiterte mit Flachschuss am Ex-Grotifantenschlächter
Nulle im Jenenser Tor, aber die dickste Chance in der 1. Halbzeit hatte
Jena, als Schembri sich gegen drei Mann durchsetzte und auf Amirante passte,
der plötzlich völlig frei vor Melka auftauchte, aber dieser
konnte parieren.
Nach der Pause sorgte Marco Christ in der 52. Minute für das Goldene
Tor, mit einem Hammer aus 17 m, der rechts unten im Eck einschlug. Zehn
Minuten später musste er mit Wadenkrämpfen ausgewechselt werden.
Als Jena dann aufmachte, ergaben sich mehrere sehr gute Möglichkeiten
für die Gastgeber, die diese aber mal wieder routinemäßig
ungenutzt ließen. Insbesondere Heidinger, der freistehend aus 10
Metern am wirklich gut aufgelegten Nulle scheiterte sowie ein weiterer
Costa-Kopfball aus dem Gewühl heraus an die Latte wären da zu
nennen, ebenso ein unglaublicher Reflex von Nulle, der bei einem Kopfball
von Schwertfeger aus spitzem Winkel, allerdings höchstens 2 m Torentfernung,
handballmäßig noch einen Fuß an den Ball bringen und
klären konnte. Heidinger, für mich bester Spieler auf dem Platz,
ließ auch noch einen 35-m-Böller, getarnt als Freistoß,
los, mit dem Nulle erhebliche Probleme hatte, den er aber auch meistern
konnte. Allerdings hatte auch Jena noch zwei, drei dicke Tormöglichkeiten,
die aber allesamt durch den sehr guten Melka vereitelt wurden. So zitterte
man sich mal wieder bis zum Schluss, und diesmal blieb die Abwehr sauber.
In seiner Verzweiflung warf Trainer Meier drei Minuten vor Schluss sogar
Stephan Sieger nach vier Wochen Verletzungspause wieder ins Gefecht, eigentlich
ein wenig früh. Und es klappte, die Null stand hinten, wo sie hin
gehört. Alles in allem ein verdienter Sieg gegen einen unbequemen
Gegner, der durch die Niederlage auf einen Abstiegsplatz rutschte und
am kommenden Wochenende gegen Unterhaching Vollgas geben musste. Fortuna
hingegen hatte außer der fünften Gelben Karte für Cebe
diesmal keine Verluste zu beklagen und überholte erstmals in der
Saison Paderborn. Leider hatte auch Unterhaching gewonnen, 2:0 gegen ebenso
platte Braunschweiger, und damit den zweiten Tabellenplatz erobert. Fortuna
schob sich auf Relegationsplatz 3, einen Punkt hinter Unterhaching, einen
vor Paderborn. Und stellte quasi nebenbei einen kleinen Teilerfolg sicher:
man konnte nicht mehr vom 4. Platz verdrängt werden, und dies bedeutet
die Teilnahme am DFB-Pokal in der nächsten Saison. Europa kann sich
schon mal warm anziehen!
Zwei Tage später standen die Stuttgarter Kickers als erster Absteiger
aus der 3. Liga fest. Sie hatten eh nur noch ziemlich theoretische Chancen
auf den Klassenerhalt, aber den Sack machten sie dann selbst zu, nicht
auf dem Spielfeld, sondern am Grünen Tisch: die Vereinsführung
entschied, den während der Saison in Anspruch genommenen Kautionsfonds
des DFB in Höhe von 200.000 Euro vorerst nicht zurückzuzahlen.
Ob man es nicht konnte oder ob man es vielleicht gekonnt hätte, das
Geld aber für den Fall des ja schon so gut wie feststehenden sportlichen
Abstiegs für den Neuaufbau in der Hinterhand behalten wollte, ist
nicht bekannt. Bekannt war den Offiziellen allerdings, dass sie dadurch
den Abstieg besiegelten. Und in den DFB-Statuten konnten sie dafür
sogar noch das genaue Datum nachlesen:
5. Folgen der Inanspruchnahme des DFB-Kautionsfonds
Bei einer Inanspruchnahme des DFB-Kautionsfonds durch einen Zulassungsnehmer
durch ein- oder mehrmalige Auszahlungen von bis zu einem in der Plan-Gewinn-
und Verlustrechnung für die Zulassung der entsprechenden Spielzeit
geplanten Monatsgehalt seines Personalaufwands Spielbetrieb spricht der
DFB-Spielausschuss in der laufenden Spielzeit mit sofortiger Wirkung den
Abzug von einem Gewinnpunkt aus, sofern der
Zulassungsnehmer den in Anspruch genommenen Betrag (inkl. 5% Zinsen p.
a.) nicht innerhalb von acht Wochen (spätestens zum 15.5. der laufenden
Spielzeit) an den DFB zurückzahlt. Bei einer Inanspruchnahme von
insgesamt mehr als einem und bis zum zweifachen monatlichen Personalaufwand
Spielbetrieb (GuV-Position 6.1) beträgt der Abzug durch den DFB-Spielausschuss
mit sofortiger Wirkung insgesamt drei bzw. zwei weitere Gewinnpunkte,
sofern der Zulassungsnehmer den in Anspruch genommenen Betrag (inkl. 5%
Zinsen p. a.) nicht innerhalb von acht Wochen (spätestens zum
15.5. der laufenden Spielzeit) an den DFB zurückzahlt.
Die Entscheidung ist endgültig.
Genau dies geschah, und mit drei Punkten weniger waren die Stuttgarter
Kickers am 15.05.2009 zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte viertklassig.
Tabellenplatz-wechsel-Dich auf der Ostalb
Wieder nur drei Tage nach dem Kraftakt gegen Jena ging es weiter zum VfR
Aalen. Die waren vor der Saison als Aufstiegsfavorit gehandelt worden
und böse abgestürzt. Sie kamen einfach nicht auf die Beine,
auch wenn ihr mächtiger Sponsor, Präsident und Namensgeber der
Scholz-Arena sämtliche Register zog, vom Nachkauf eines halben Dutzends
Spielern bis zum stetigen Wechsel der Trainer mit durchaus prominenten
Namen. Es begann Edgar Schmitt, es folgte Jürgen Kohler, danach Petrik
Sander, mit Kohler als Sportdirektor. Anderthalb Wochen vor dem Spiel
gegen uns war für die beiden auch Feierabend, es folgte mit Rainer
Scharinger ein weiterer Ex-Profi (SSV Ulm). Und der hatte wohl die richtigen
Maßnahmen im Gepäck, denn zunächst trotzte man Paderborn
das bereits erwähnte 3:3 ab, anschließend gewann man bei den
Stuttgarter Kickers mit 4:1. Vor dem Spiel gegen uns stand man somit schon
mal auf Platz 16, mit zwei Punkten Luft auf die punktgleichen Bremen,
Jena und Burghausen dahinter. Mit einem Sieg gegen uns konnten sie schon
fast alles klar machen. Dabei fiel dann auf, dass Aalen in der gesamten
Saison erst drei Heimspiele verloren hat. Da wartete also ein hartes Stück
Arbeit.
Die sollte die Mannschaft allerdings nicht ganz allein verrichten. Der
Fortuna-Tross entdeckte seine Vorliebe für die Ostalb und kaufte
Eintrittskarten, was das Zeug hielt. Die Aalener erwiderten diese Zuneigung,
indem sie noch ein zusätzliches Kartenkontingent freigaben. Am Ende
waren es über 4.000 Fortunen, die die Mannschaft in Aalen unterstützten.
Die kamen aus allen Winkeln der Republik, aber zum Großteil natürlich
aus Düsseldorf. Da eine Bahnreise nur bedingt zu empfehlen war, weil
die Deutsche Bahn ausgerechnet das Teilstück zwischen Schwäbisch
Gmünd und Aalen derzeit saniert und mit einigen Umwegen zu rechnen
war, wurde versucht, kurzfristig noch aus allen Ecken und Enden Düsseldorfs
Busse zum Fan-Transport zu organisieren. Zum Schluss waren es etwa zwanzig.
Und das mit den Enden Düsseldorfs ist durchaus wörtlich
zu nehmen: als diesbezügliches absolutes Highlight überholten
wir nämlich auf der Hinfahrt einen Bus, der außen deutlich
mit Teambus Kölner Haie beschriftet war und auch das
entsprechende Vereinswappen mit dem Hering zeigte. An den Fenstern hingegen
hingen nur Fortuna-Fahnen. Nach Offenbach mit einem DEG-Bus, nach Aalen
mit einem Kölner Bus wir machen vor gar nichts halt, wenn
es darum geht, der Mannschaft hinterher zu fahren!
Und dann ist man auch nicht vor Nervosität gefeit. Am Samstag Morgen
gegen 8 Uhr, ich wartete auf meine furchtlose Fahrerin, die uns mit neuem
Auspuff sicher nach Aalen bringen würde, fiel mir ein Eintrag im
Fortuna-Forum auf, von einem Nickname, den ich eigentlich schon längst
in einem der Fan-Busse unterwegs wähnte. Er war es dann auch, seine
daheim geblieben Frau hatte sich in seinen Account gehackt, und zwar völlig
zu Recht, denn die Botschaft war von höchster Dringlichkeit:
Last Minute - 3 Karten zu verkaufen
Es war heute Morgen zu früh für meinen Mann; er hat seine 3
Eintrittskarten für das Spiel zuhause (Düsseldorf-Bilk) vergessen.
Wer also noch Zeit und Lust hat auf einen Kurztrip...(Telefonnummer)
Ja, so kann es auch erfahrenen Fans gehen, wenn man plötzlich doch
noch die Chance zum Aufstieg erhält. Und das war doch eine schöne
Sache, denn der aufgeregte Gatte und seine beiden Mitstreiter konnten
noch auf ein Kartenkontingent im Fan-Bus zurück greifen, und zusätzlich
konnten noch drei Leute versorgt werden, die vielleicht nicht fahren wollten,
weil sie glaubten, so kurzfristig keine Karte mehr zu bekommen.
Etwas über vierhundert Kilometer sind es von Bonn bis nach Aalen.
Wir schafften die Hinfahrt problemlos und trafen um ca. 12 Uhr an der
Scholz-Arena ein. Die frühe Ankunft war auch durchaus
von Nöten, wurde das Spiel doch bereits um 13.30 Uhr angepfiffen,
wie alle Partien des vorletzten und letzten Spieltages. Hierzu liefere
ich natürlich gerne die Erklärung des DFB nach:
Ausschlaggebend für die Änderungen waren Wünsche
der dritten Fernsehprogramme, die die entscheidenden Begegnungen in Live-Konferenzen
übertragen wollen. Diesem Wunsch unserer Fernsehpartner sind
wir gern nachgekommen, sagte DFB-Sprecher Stephan Brause heute.
Das macht natürlich nur Sinn, wenn die Spiele beendet sind, bevor
die der Ersten Liga beginnen, damit der Fernseh-Fan nicht in der Schlussphase
der Partien zu premiere abwandert. Daher die Vorverlegung der Anstoßzeiten.
Es macht natürlich gar keinen Sinn, wenn keiner der Fernsehsender
auch nur im Traum daran denkt, eine Live-Konferenz des vorletzten Spieltages
anzubieten. Und genau so kam es auch, kein drittes Fernsehprogramm zeigte
auch nur eine Sekunde live. Sie hatten wohl kein Interesse. Beim WDR wundert
das nun nicht, die haben bekanntermaßen an überhaupt nichts
Interesse, solange Köln nicht mitspielt. Wobei man sich das vorstellen
mag: vorletzter Spieltag, in der gesamten Liga spielen gerade mal drei
Vereine aus Nordrhein-Westfalen, und zwei davon können noch aufsteigen,
quasi eine Erfolgsquote für das Bundesland in Höhe von 66,67
% - aber den Sender für Nordrhein-Westfalen interessiert das in puncto
Live-Übertragung nicht für drei Cent. Naja, wie gesagt, ist
bei denen nichts Neues. Doch von MDR oder RBB hätte man schon etwas
erwartet. Aber da der Osten keine Karten im Aufstiegskampf hatte (Union
Berlin stand ja bereits als Aufsteiger fest), war dort auch kein gesteigertes
Interesse vorhanden. Und so bleibt die Frage, warum die Sendeanstalten
dafür sorgten, dass der vorletzte Spieltag früher beginnen müsse,
und warum der DFB natürlich sofort wieder kuschte, ohne auch wenigstens
einmal nachzufragen, ob überhaupt eine Live-Übertragung geplant
sei. Diese kleine Anekdote nur noch mal, um zu verdeutlichen, wer hier
im modernen Fußball das Sagen hat, und wer daraufhin sofort springt.
Das alles natürlich auf dem Rücken von Spielern und Fans. Aber
die Spieler werden ja dafür bezahlt, und die Fans, die sind doch
eh selbst Schuld, wenn sie noch so blöd durch die Gegend fahren.
Also alles eine halbe Stunde früher. Das Stadion fasst übrigens
14.000 Zuschauer, ist idyllisch in die Waldlandschaft der Ostalb eingebettet
und alles macht einen echt knuffigen Eindruck. Auch die angebotenen Imbisse
waren sehr zufrieden stellend, nur das Procedere, erst Wertmarken für
Essen und Trinken erstehen zu müssen, verwirrte einwenig, ich kenn
das eigentlich nur aus Sandhausen und hatte es damals für einen Einzelfall
gehalten. Aber die Bedienungen waren, so weit man den Dialekt verstehen
konnte, alle sehr nett und hilfsbereit. Überhaupt ein freundliches
Publikum dort, von einigen doch eher rechts orientierten Gestalten mal
abgesehen.
Nachdem ich mich verpflegt hatte, blieb noch ausreichend Zeit für
die Lektüre der Stadionzeitung. Und die war in jedem Fall großes
Kino, zumindest der Leitartikel auf Seite 1. Namentlich gekennzeichnet
mit sk, ein Blick ins Impressum der Zeitung verrät mir,
dass ich Sascha Kurz dieses Kleinod deutscher Literatur zu verdanken habe.
Lieber Sascha, wir kennen uns nicht, aber ich schreibe trotzdem: alle
Daumen hoch! Selten hat mich eine Einleitung zu einem Spiel mehr zum Lachen
gebracht. Und ich weiß, dass auch ich beileibe nicht stilblütenfrei
bin. Aber was zuviel ist, ist zuviel, und dann ist es halt für mich
großes Kino und wert, hier in voller Länge zitiert zu werden
(wobei die Hervorhebungen von mir stammen das waren die Stellen,
an denen ich am ungläubigsten geguckt haben dürfte):
Der Showdown in der ersten Saison der eingleisigen Dritten Liga
naht: In den letzten zwei Spielen müssen die Akteure beweisen, dass
sie die Weichen richtig stellen können. Oder um gegen den Aufstiegsaspiranten
Fortuna Düsseldorf im Sprachjargon des Wilden Westens zu bleiben:
VfR-Spieler, zückt blitzschnell Eure Colts und ballert die Lederkugel
in den Fortuna-Kasten! Die Kulisse für ein faires Duell Auge
in Auge stehend ist bereitet: ähnlich wie am Nikolaus-Tag
in der Düsseldorfer LTU-Arena wird es heute in der Scholz-Arena laut
werden, wenn rund 8000 Zuschauer zum High Noon-Duell erwartet
werden. Wenn sich der Rauch der Geschosse nach 90 Minuten verzogen hat,
werden die Massen das Ergebnis zu Gesicht bekommen! Auf geht`s, Ihr Glorreichen
Elf aus Aalen, macht euch bereit! Kämpft um den Verbleib in der Dritten
Liga, kämpft für Eure Fans und den Verein, macht die Ungerechtigkeiten
und die Fehler vergessen, und ihr werdet von Euren Fans bewundert
ebenso wie die Western-Helden!
Hammer, oder? Das Ganze stand unter der Überschrift High Noon
in der Dritten Liga: Glorreiche Elf, schießt Euch aus dem Keller!,
was den blumigen Sprachgebrauch im Text vielleicht erklärt, allerdings
nicht entschuldigt.
Natürlich empfehle ich dem Autor sofort mal ein Praktikum in Paderborn,
in puncto martialische Worte oder Vereinslieder sind die schon ein Stück
voraus. Und ein High Noon oder ein Showdown beinhaltet
eigentlich immer eine endgültige Entscheidung. Dies nur mal als Tipp.
Oder kennt jemand einen Western, in dem der Getroffene in einem Duell
sich wieder aufrappelt, hinter die nächste Ecke robbt und zurück
schießt? Also ich nicht, aber ich bin auch kein Genre-Kenner. Und
an jenem Samstag in Aalen wurde in Sachen Auf- oder Abstieg überhaupt
nichts entschieden. Aber um die endgültige Entscheidung aus möglichst
angenehmer Position angehen zu können dafür war das Spiel
ungeheuer wichtig und spannend. Und das wurde es dann auch.
Das Spiel war noch keine fünf Minuten alt, da war Fortuna in der
Blitztabelle plötzlich Zweiter. Nicht, dass man etwas dazu hätte
tun müssen. Jena war 1:0 gegen Unterhaching in Führung gegangen,
somit waren wir punktgleich und hatten das bessere Torverhältnis.
Das fing ja gut an, zumal Jena schon nach acht Minuten das 2:0 nachlegte.
Aber die Freude währte nicht lange, denn schon in der 9. Minute erzielte
Paderborn das 1:0 gegen Burghausen damit hatten die uns überholt,
und wir standen wieder auf Platz 3. Höchste Zeit, auch mal in die
Blitztabelle einzugreifen, und dies auch völlig zu recht: denn Fortuna
legte los wie die sprichwörtliche Feuerwehr, spielte die verunsicherten
Aalener vor insgesamt 7.300 Zuschauern schwindlig und hatte in der ersten
Viertelstunde gute Chancen. Folgerichtig fiel in der 14. Minute das 1:0:
einen verunglückten Abstoß von Aalen-Keeper Linse fischt Christ
ca. 30 Meter vor dem Gehäuse und spielt den Ball in den Lauf von
Lawaree. Der kommt gegen den heraus stürmenden Linse einen Schritt
zu spät, der Keeper klärt rutschend mit dem Knie. Den Abpraller
allerdings kann Lambertz aus 16 m halbhoch am Torwart vorbei in die leere
Tormitte schlenzen. Schwupps, waren wir wieder Zweiter in der Blitztabelle.
Zwei Minuten später musste das Spiel eigentlich durch sein, als Jovanovic
nach einem weiteren Traumpass links im Strafraum alleine auf Linse zulief,
dann aber erst zu spät in die Mitte passte und darüber hinaus
dem mitgelaufenen Lambertz einen Steilpass servierte, den
der beim besten Willen nicht ins leere Tor grätschen konnte. Nachdem
sich Jovanovic kurz darauf aus Nahdistanz die Beine verknotete, anstatt
nach überragendem Lambertz-Solo und Rückpass von Grundlinie
ins Tor einzuschieben, kam es so, wie wir es in dieser Saison kennen:
der Gegner machte aus der ersten gefährlichen Situation den Ausgleich,
nach Flanke von links nach einer kurze Ecken köpfte Bohl im Duell
mit Cakir, der den Ball noch berührt, auf Höhe des kurzen Pfostens
direkt neben Selbigen zum Ausgleich ein. Anschließend gab Fortuna
das Spiel komplett aus der Hand, und nachdem man durch den Ausgleich schon
nur noch Dritter war (da Paderborn Tor um Tor schoss und schon zur Pause
4:0 vorne lag), hatte man zehn Minuten später den Arschkartenplatz
4 wieder fest im Griff: Unterhaching hatte in Jena zum 2:2 ausgeglichen.
Anschließend konnte man froh sein, als der Pausenpfiff ertönte
- 8:2 Ecken für Aalen zu diesem Zeitpunkt sagen einiges über
die Spielverteilung. Und kurz vor der Pause rutschte man wieder auf den
Relegationsplatz: Jena hatte gegen Unterhaching erneut den Führungstreffer
erzielt und das Ergebnis in die Pause gerettet. Völlig bekloppt.
Nachdem Mitte der 1. Halbzeit bereits Clement Halet mit Meniskusschaden
gegen Robert Palikuca ausgetauscht werden musste, brach Kapitän Andy
Lambertz, überragender Spieler in der ersten Halbzeit, nach 5minütigem
Versuch Anfang der 2. Halbzeit ebenfalls den Versuch ab, weiter mitzuspielen,
er hatte sich kurz vor dem Seitenwechsel bei einem Zusammenprall den Knöchel
geprellt und sich eine Zerrung der Außenbänder zugezogen. Ja
doch, immer drauf, an Verletzten können wir wirklich nicht genug
haben. Für ihn schickte Trainer Meier mit Deniz Kadah einen weiteren
Angreifer aufs Feld, sehr zur Überraschung vieler. Aber auch der
Trainer, ansonsten gern die Vorsicht in Person, hatte erkannt, dass hier
nur noch ein Sieg helfen würde. Die Tendenzen auf den beiden anderen
Plätzen änderten sich in der zweiten Halbzeit nicht mehr, Paderborn
schoss Burghausen mit 6:0 so gut wie sicher in die Regionalliga, Unterhaching
kassierte tatsächlich in Jena noch das 2:4, konnte selbst nur noch
das 3:4 nachlegen und verlor das Spiel. Mit dem Unentschieden in Aalen
hätte Fortuna also Unterhaching bei Punktgleichheit wegen des besseren
Torverhältnisses überholt und wäre wiederum von Paderborn
überholt worden, die durch ihren Sieg einen Punkt mehr auf dem Konto
gehabt hätten. Ein Sieg musste her, egal wie. Das Spiel ging hin
und her, gewiss nicht hochklassig, aber sehr spannend. Dann die 72. Minute:
Christ treibt den Ball nach vorne, auf der linken Seite. Aus gut und gerne
dreißig Metern schlägt er von dort eine Flanke in den Strafraum,
Stellungsfehler in der Aalener Abwehr, und aus dem Lauf köpft eben
jener Kadah, als Joker eingewechselt, den Ball per Aufsetzer rechts unten
zum 1:2 ins Eck und Fortuna damit auf Platz 2. Die restliche Spielzeit
ließ sich Fortuna zeitweise wieder mal lustig einschnüren und
kam nicht aus der eigenen Hälfte heraus. Da die Aalener aber gerade
in ihrer Powerplay-Phase kaum echte Torchancen heraus spielten, war der
Sieg im Endeffekt nicht ganz unverdient. Fortuna somit auf einem direkten
Aufstiegsplatz, Aalen auf einem direkten Abstiegsplatz. Aber leider nix
mit Showdown. Keine der beiden Mannschaften war irgendwie durch.
Nur kurz davor.
Fortuna konnte durch einen Sieg am letzten Spieltag den direkten Aufstieg
in die 2. Liga packen. Verfolger Paderborn musste bei Absteiger Stuttgarter
Kickers antreten und hatte einen Punkt Rückstand. Verfolger Unterhaching
spielte gegen Aalen und hatte zwei Punkte Rückstand.
Zum Showdown kam nun ausgerechnet der Alptraumgegner
Werder Bremen II in die LTU-Arena, der zudem selbst noch fürchten
musste, bei einer Niederlage abzusteigen.
Wie man solch einen Aufstieg würde bewältigen können, zeigte
Fortuna II nur einen Tag nach dem Aalen-Spiel. Gegen die Mannschaft der
Stunde in der NRW-Liga, SW Essen (zuvor 13 Spiele in Folge ungeschlagen,
sogar den Bonner SC hatte man geputzt), ließ man sich die Chance
nicht entgehen, vorzeitig alles klar zu machen, und schoss die Essener
mit einem 3:0 aus dem Flinger Broich, wobei man es noch gnädig machte,
drei Latten- und Pfostentreffer waren auch dabei. Drei Spieltage vor Schluss
stieg man somit in die Regionalliga West/Südwest auf, drei Tage später
gewann der Bonner SC auch sein letztes Nachholspiel in Wattenscheid und
zog nach. In den nächsten zwei Wochen können die beiden punktgleichen
Teams jetzt noch den NRW-Meister unter sich ausspielen. In der nächsten
Saison warten auf Fortuna Zwote dann Spiele gegen Preußen Münster,
RW Essen, Eintracht Trier oder den 1.FC Saarbrücken. Deren Erste
natürlich. Wer mich kennt, weiß, dass ich absolut kein Freund
von Zweitvertretungen in höheren Spielklassen bin. Aber zum Einen
interessiert den DFB meine Meinung ja nicht, und zum Anderen sage ich
in diesem Fall mal: wir mussten in den letzten zehn Jahren so viele Zweitvertretungen
anderer Vereine ertragen, da gönne ich mir mal das eine Jahr, in
dem unsere Zwote gegen RW Essen I antreten darf. Zumal unsere Zwote, soviel
kann man jetzt schon sagen, einer der absoluten Außenseiter in dieser
Liga sein wird. Um da mithalten zu können, kam der Aufstieg eigentlich
zu früh, aber es wollte ja kein anderer. Und eine großartige
Leistung war es natürlich auch!
Vor dem letzten Spieltag in der 3. Liga hatten auch unsere U 19 und U
17 ihre Aufstiege in die entsprechende Altersklassen-Bundesliga geschafft.
Aufstiege, soweit das Auge reichte! Jetzt fehlte als i-Tüpfelchen
nur noch die Erste.
Dritte Liga war schön
In der Woche vor dem 23.05.2009 gab es etwas Erstaunliches festzustellen:
die Stadt Düsseldorf entdeckte Fortuna neu. Nun, das mag nicht wirklich
erstaunlich sein, bei Erfolg sind sie ja schon immer alle dabei gewesen,
man erinnere sich an Hoffenheim in der Hinrunde (wie viele aktive Fan-Clubs
haben die jetzt eigentlich noch?). Erstaunlich war nur das Tempo, in dem
jahrelanges Leugnen, an der führenden Fußballmannschaft der
Stadt interessiert zu sein, in schiere Begeisterung umschlug: das Spiel
war binnen drei Tagen ausverkauft, am Mittwoch Morgen konnte von Vereinsseite
gemeldet werden: nichts geht mehr. 50.095 Tickets verkauft. Man hätte
auch noch einiges mehr an Tickets verkaufen können, so ca. das Doppelte.
Hier schlug nun die Stunde der eBay-Abzocker, da gingen Karten für
über hundert Euro das Stück weg immer wohlgemerkt, für
ein Drittliga-Spiel! Anschließend räumten die Fans dem Verein
auch noch die letzten Lager Fan-Artikel leer. Auch von diesem Standpunkt
also ein echtes Finale.
Die Vorzeichen waren nicht gerade berauschend. Ein Finale, das man unbedingt
gewinnen musste, ein Unentschieden würde nicht reichen, da niemand
damit rechnen durfte, dass die Stuttgarter Kickers gegen Paderborn etwas
holen würden. Und dann ausgerechnet gegen Werder Bremen II, gegen
keine andere Mannschaft der Liga hatten wir eine solche Horror-Bilanz
aufzuweisen: 13 Spiele, ein Sieg, vier Unentschieden, acht Niederlagen.
Zudem mussten die selbst noch Gas geben, um ihre Aufholjagd aus der Rückrunde
zu krönen und nicht doch am letzten Spieltag noch abzusteigen. Und
dann pfiff auch noch Bibiana Steinhaus. Wer meine Artikel schon einige
Zeit verfolgt, der weiß, ich hab nix gegen die Dame, im Gegenteil,
ich war mit ihren Leistungen bei uns eigentlich zumeist recht einverstanden.
Aber sie passte natürlich prima zum Gegner, denn unter ihrer Leitung
hatten wir auch erst ein einziges Spiel gewonnen, letzte Saison gegen
Oberhausen. Das konnte ja heiter werden. Immerhin gelang es, Kapitän
Lambertz und seine Fußverletzung einigermaßen wieder hinzubiegen,
sodass er zumindest von Beginn an auflaufen konnte, wenn auch nicht für
das gesamte Spiel. Auch Jens Langeneke genas von seiner Verletzung (bei
der ich weiterhin nicht fassen kann, auf welche Art man sich als Fußball-Profi
solch eine Verletzung zuziehen und für drei Spiele ausfallen kann).
Am 23.05.2009, 13.30 Uhr, vor 50.000 Zuschauern versuchten somit folgende
elf Spieler, wahrlich Geschichte zu schreiben, nämlich nach zehn
Jahren Abstinenz wieder in die 2. Liga zurück zu kehren:
Michael Melka Jens Langeneke, Hamza Cakir, Kai Schwerrtfeger, Fabian
Hergesell Claus Costa, Andreas Lambertz, Marco Christ, Sebastian
Heidinger Ranisav Jovanovic, Axel Lawaree.
Bis auf unser serbisch-belgisches Sturmduo übrigens ausschließlich
deutsche Spieler. Nicht dass mich persönlich so etwas interessieren
würde, aber eine solche Anzahl ist im modernen Profi-Fußball
sicherlich eher selten, daher wollte ich es mal erwähnt haben.
Irgendwer schrieb vor dem Spiel, dass die Werder-Bubis schon beim Betreten
des Rasens die Hosen voll haben müssten, so sehr müsste Rabatz
gemacht werden. Dem war augenscheinlich auch so. Die Stimmung war überwältigend,
und Sebastian Heidinger hätte sie sofort zum Überkochen bringen
können: Anstoß Fortuna, flacher Pass nach links ins Halbfeld,
Heidinger läuft seinem Gegenspieler davon, legt den Ball am nächsten
vorbei, überläuft ihn und steht plötzlich im Strafraum
frei vor Werder-Keeper Mielitz, während der Rest der Weser-Elf wohl
noch die vielen Leute in der Arena bestaunt. Nach exakt 8 Sekunden hat
Heidinger die Möglichkeit, in die Vereinsgeschichte einzugehen, denn
ich wüsste nicht, dass wir mal ein schnelleres Tor erzielt hätten.
Und dabei bleibt es dann leider auch, denn Heidinger selbst erschreckt
sich anscheinend so sehr, plötzlich da ganz alleine zu stehen, dass
er den Ball nicht voll trifft, und Mielitz relativ problemlos zur Ecke
parieren kann. Das wäre ein Auftakt gewesen, vor allem eine schöne
Ansage an Paderborn und Unterhaching!
Aber auch so ging es gut weiter, in den ersten Minuten bekam Werder kein
Bein auf die Erde. Schon die Ecke auf Heidingers Chance haute Lambertz
im Nachschuss von der Strafraumgrenze knapp drüber. Dann scheiterte
Jovanovic mit Flachschuss an Mielitz, Lawaree in der Mitte stand einen
Schritt zu weit vorn, um an den Abpraller zu kommen. Dann wiederum kam
ein Bremer gerade noch dazwischen, als erneut Lawaree in der Mitte frei
angespielt worden wäre. Werder wusste gar nicht, wie ihnen geschah.
In der 12. Minute treibt Marco Christ die Kugel auf der rechten Seite
nach vorne. Im Strafraum winkt mal wieder Lawaree, der zu gerne in der
Rückrunde auch mal ein Tor erzielen würde. Christ zieht eine
Flanke in den Strafraum, die ihm völlig über den Schlappen rutscht.
Das Ding wird lang und länger und schlägt hinter Mielitz im
linken Toreck ein. 1:0! Dass das Absicht war, würde ich noch nicht
einmal glauben, wenn der Trainer nach dem Spiel sagen würde, exakt
diesen Spielzug habe man die ganze Woche über trainiert.
Also ein Glückstor, aber hochverdient. Wenn man die ganzen Hochkaräter
auslässt, dann muss es eben auch schon mal ein solcher Flatterball
tun.
Gegenzug Werder: zum ersten Mal kommen die überhaupt in die Nähe
des Strafraums. Der Ball fliegt durch die Luft, am rechten Strafraumeck
nimmt Feldhahn die Kugel volley, und dann scheppert es mächtig
Lattenkreuz! Durchatmen.
Hier kommt übrigens wieder mein langjähriger Freund, der Wahrscheinlichkeitsstatistiker
zur Geltung: Natürlich ließ ich es mir in der Hinrunde nicht
nehmen, das übliche 0:2 der Fortuna auf dem Nebenplatz 11 von Werder
mitzunehmen. Dort konnte in der 6. Minute ein Spieler gesichtet werden,
der vom linken Strafraumeck einen Ball volley nahm und flach zur 1:0-Führung
ins Tor donnerte. Sein Name: Nicolas Feldhahn. Im Rückspiel fabriziert
derselbe Spieler dieselbe Aktion von der gleichen Position, nur halt von
der anderen Seite, und trifft um Haaresbreite wieder. Wäre ein Kuriosum
gewesen, aber keines, über das wir hätten schmunzeln können.
Nun will ich es nicht unnötig spannend machen: der Schuss von Feldhahn
war zugleich die letzte nennenswerte Torchance der Gäste. Und da
wir ja eine Minute zuvor eins vorgelegt hatten, heißt dies natürlich,
dass wir das Spiel gewannen. Es war spielerisch auch nach diesen beiden
Krachern keine Offenbarung mehr. In der zweiten Halbzeit kam Bremen zunächst
auf, denn es gab beunruhigende Zwischenstände: Jena hatte binnen
vier Minuten in Sandhausen aus dem 0:2 ein 2:2 gemacht und Werder damit
in der Tabelle überholt. Aalen hatte in Unterhaching ausgeglichen.
Noch ein einziges weiteres Tor von Aalen, und Werder wäre abgestiegen.
Dementsprechend spielten sie nach vorne, wobei man dann auch beobachten
konnte, dass den Unsrigen so langsam die Knie weich wurden. Man wackelte,
aber man fiel nicht und brachte das Spiel mit viel Kampf über die
Zeit. Werder drückte zwar zeitweise ganz ordentlich, spielte aber
keine einzige echte Torchance mehr heraus. Zum Schluss schien man den
Werderanern gesteckt zu haben, dass Unterhaching 2:1 gegen Aalen führte
und die kleinen Fischköppe damit gerettet waren. Auch Bibiana Steinhaus,
an deren Leistung es mal wieder nichts auszusetzen gab, fand dann auch,
dass es genug sei, und pfiff nach knapp 92 Minuten ab, worum sie zuvor
von Jovanovic intensiv angebettelt worden war. Sie tat ihm und uns den
Gefallen und sorgte damit für die offizielle Rückkehr der Fortuna
in die 2. Liga nach zehn Jahren. Anschließend wurde dem Rasen der
Rest gegeben, indem zuerst Tausende glückseliger Fans darauf herum
trampelten und ihn dann großflächig als Aufstiegs-Souvenir
mit nach Hause nahmen. Auftakt zu einer rot-weißen Party bis in
die frühen Morgenstunden, gefolgt von einer rot-weißen Party,
nachdem sich die Mannschaft am Sonntag Mittag am Rathaus in der Düsseldorfer
Altstadt präsentiert hatte. Liga Zwei, Fortuna ist dabei!
In der Abschlusstabelle reichten unsere 69 Punkte für Platz 2. Erster
Meister der 3. Liga wurde Union Berlin mit 78 Punkten. Paderborn gewann
3:0 bei den Stuttgarter Kickers und sicherte sich Relegationsplatz 3,
wird über Pfingsten versuchen, dem VfL Osnabrück in Hin- und
Rückspiel in die 3. Liga zu schießen. Und das freut mich doch
klammheimlich ein wenig, sowohl für die Paderborner, die in der Sommerpause
ja schon der Meinung waren, der Aufstieg wäre eine einfache Sache,
als auch für meinen guten Freund Claus-Dieter Wollitz an der Seitenlinie
beim VfL. Möge der Bessere gewinnen, mir ist es relativ egal. Die
SpVgg Unterhaching wurde Vierter und bekommt als Trostpreis die Teilnahme
am DFB-Pokal geschenkt. Immerhin mehr als wir im letzten Jahr mit unserem
Arschkartenplatz 3.
Als Ersatz für Union Berlin und Fortuna kommen die Zweitliga-Absteiger
SV Wehen Wiesbaden und FC Ingolstadt ins Premiumprodukt, ich kann innerlich
schon sehen, wie sehr man sich beim DFB darüber freut. Zumindest
wage ich jetzt schon vorherzusagen, dass die Zuschauerzahlen in der nächsten
Saison sinken werden.
Absteigen aus der 3. Liga müssen drei Südvereine, die Stuttgarter
Kickers, Wacker Burghausen und der VfR Aalen. Letztere sicherlich überraschend,
waren sie doch einer der Aufstiegsfavoriten vor der Saison und machten
sie, wie zuvor geschildert, ja auch vor großen Namen auf der Trainerbank
nicht halt. Hat alles nix genützt. Die Aussetzer, die man sich letzte
Saison in der Regionalliga Süd gegen Ende der Saison nahm, und die
damals den Aufstiegsplatz kosteten, auf dem man zuvor drei Viertel der
Saison gestanden hatte, diese Aussetzer nahmen sie diesmal von Anfang
an und kamen nicht mehr auf die Beine.
Was von unten dafür hoch kommen wird, ist auf dem Papier nicht weltbewegend,
die Saison läuft in den Regionalligen noch. Im Westen fehlen Dortmund
II noch zwei Punkte bei zwei Spielen, im Süden dem 1.FC Heidenheim
noch drei bei drei noch auszutragenden Partien. Sollte also für beide
machbar sein. Einzig im Norden bahnt sich ein Herzschlagfinale an, Holstein
Kiel und der Hallesche FC marschieren punktgleich auf die Zielgerade.
Sind allerdings jetzt auch nicht so die Zuschauermagneten. Die diesbezüglichen
Bestmarken eines aktuellen Premiumprodukt-Mitglieds werden nunmehr übrigens
beide von Werder Bremen II gehalten. Im letzten Spiel bei uns 50.095 Zuschauer,
das dürfte für die 3. Liga auf lange Zeit ein Rekord bleiben.
Beim schlechtesten Besuch hingegen ist sicherlich noch Luft nach unten.
Bei den Heimspielen gegen Wacker Burghausen und Jahn Regensburg verirrten
sich auf den Nebenplatz 11 des Weserstadions gerade mal 200 Zuschauer.
Mal sehen, wie viele Bock drauf haben, wenn nächste Saison Dortmund
II oder der FC Heidenheim kommen. Man darf gespannt sein, wohin die Reise
des Premiumprodukts in der nächsten Saison führen wird.
Fortuna hat ihre Anhänger in dieser Saison mal wieder leiden lassen,
des Öfteren wurden Vorlagen der Konkurrenz einfach liegen gelassen
oder selbst völlig unnötig Punkte abgegeben, ich denke da nur
an die ganzen Heim-Unentschieden, die alle so was von überflüssig
waren. Es gab auch wieder den Durchhänger im April, und nach der
Niederlage im Spitzenspiel gegen Union Berlin hatten wohl selbst die größten
Optimisten allerhöchstens noch mit Platz 3 gerechnet. Aber diesmal
wurde unser Schlussspurt im Mai belohnt. Letztes Jahr nutzten 5 Siege
und ein Unentschieden in Braunschweig nichts, weil RW Oberhausen exakt
dieselbe Serie hinlegte (mit Unentschieden gegen Erfurt) und ihre zwei
Punkte Vorsprung ins Ziel rettete. In diesem Jahr brachten vier Siege
und ein Unentschieden in Braunschweig im Mai den ersehnten zweiten Tabellenplatz,
weil diesmal die Konkurrenz zum Schluss patzte. Den entscheidenden Platz
2 eroberte man in der Rückrunde erst am vorletzten Spieltag, zuvor
hielt man sich vornehm im Hintergrund. Drei 1:0- und ein 2:1-Sieg zum
Abschluss mögen zwar recht glücklich wirken, aber was die Mannschaft,
die aufgrund des kleinen Kaders und der permanenten Verletzungen von Leistungsträgern
während der gesamten Saison zum Schluss noch kämpferisch ablieferte,
war aller Ehren wert. Und insgesamt 69 Punkte in 38 Spielen bekommt man
auch nicht durch Handauflegen. Nach 20 Spieltagen war Winterpause, zu
diesem Zeitpunkt lag man acht Punkte hinter Paderborn zurück, sechs
hinter Union und vier hinter Kickers Emden. Da hatten schon fast alle
den Aufstieg abgeschrieben. Union mussten wir ziehen lassen, aber auf
Paderborn machten wir noch neun Punkte gut, Emden knüpfte man gar
14 Zähler ab! Und das, obwohl man von den Duellen gegen die anderen
Spitzenmannschaften Union, Paderborn, Emden, Unterhaching
kein einziges gewinnen konnte, nur Unentschieden oder Niederlagen! Aber
man war zur Stelle, wenn die anderen patzten. Das mag wenig spektakulär
sein, aber eben effektiv. Und dann ist es auch nicht unverdient. Glückwunsch
daher auch an Trainer Norbert Meier, von dem viele immer noch nicht überzeugt
sind, ich kann mich davon auch nicht frei sprechen, mir spielt er meistens
zu defensiv und wechselt merkwürdig aus. Man sollte aber zum Einen
auch sehen, dass er praktisch über die gesamte Saison so gut wie
nie so etwas wie eine Stammformation auf dem Platz hatte, und zum Anderen
einfach sagen: der Mann ist aufgestiegen, also hat er Recht gehabt. Und
wer Zauberfußball sehen will, der muss zum FC Bayern gehen. Also
wenn sie in der nächsten Champions League-Saison wieder auf den FC
Barcelona treffen, meine ich.
Man darf gespannt sein, wie es im Sommer weiter geht. Beide Mannschaften,
Fortuna I wie II, werden in ihren neuen Ligen nicht gerade zu den Aufstiegsfavoriten
zählen, mal diplomatisch formuliert. Beide Teams müssen ziemlich
verstärkt werden, will man nicht als Kanonenfutter enden. Bei der
Ersten Mannschaft gilt dies besonders für den Sturm. Dass Marco Christ
als Mittelfeldspieler mit 11 Treffern der beste Torschütze des Teams
war, sagt wohl alles. Für die Vereinsführung bedeutet das viel
Arbeit, nachdem die Aufstiegsfeiern abgeklungen sind. Außerdem stehen
da noch Gespräche mit einem Herrn Jammer an, einem Investor, der
darüber nachdenkt, ein wenig Kohle in Fortuna zu investieren, und
bei dem ich anfange, darüber nachzudenken, ob ich das gut finde,
sobald er seine Karten auf den Tisch legt und sagt, was er dafür
alles haben will. Des Weiteren muss ja noch eine außerordentliche
Mitgliederversammlung folgen, nachdem es ja im April zu reichlich überraschenden
Ergebnissen kam. Für Zündstoff ist in der Sommerpause also reichlich
gesorgt.
Ach ja, unser Aufstiegsspiel gegen Werder II war auch das Abschiedsspiel
für die LTU-Arena. Die heißt nämlich ab 01.07. Esprit-Arena,
die Stadt Düsseldorf hat die Namensrechte neu vergeben. Hat Fortuna
eh nix von. Ist mir eigentlich auch ziemlich latte, wie albern der Name
ist, Hauptsache, das Teil hat einen Rasen und zwei Tore rechts und links.
Die Bundesliga-Saison ist auch gelaufen, qualitativ wohl mit das Schlechteste,
was einem in den letzten Jahren geboten worden ist. Hoffenheim war punktemäßig
der schlechteste Herbstmeister aller Zeiten, in der Rückrunde überschlug
sich jeder Verein, der an der Spitze stand, darin, die Führung möglichst
schnell wieder abzugeben, nicht dass einem selbst das Ungemach droht,
in der CL nächste Saison mal richtig vorgeführt zu werden. Bis
der VfL Wolfsburg zum Schluss mal richtig anzog und die Sache in die Hand
nahm. Klar, deren Trainer Felix Magath brauchte es ja auch nicht zu kümmern,
ob sich die Truppe nächste Saison international blamieren wird, er
ist dann schon längst weg. Zum Abschluss gab es mit Mönchengladbach
noch den schlechtesten Klassenerhalt aller Zeit, 31 Punkte aus 34 Spielen
reichten dazu; dies kann natürlich noch getoppt werden, wenn Cottbus
die tolle, neue Relegation gegen Nürnberg schafft, dann hat man mit
unfassbaren 30 Punkten die Klasse gehalten. Darüber regt sich jede
Kreisliga B-Mannschaft mit Recht auf, aber das interessiert bei den beteiligten
Vereinen natürlich niemanden. Wenn im Sommer das Konto wieder stimmt,
schaut es sich auch leichter in den Spiegel. Es ist halt nicht mehr wie
früher. Manchmal echt bedauerlich.
Aus der 2. Liga steigen Freiburg und Mainz auf, entgehen uns also als
Gegner in der nächsten Saison, vielleicht auch noch Nürnberg.
Stattdessen gibts Bielefeld und Karlsruhe, eventuell noch Cottbus.
Und da ich in Bielefeld nicht nur das Stadion, sondern seit dem 10.05.2009
auch den Parkplatz des Möbelhauses porta recht gut kenne, wird das
wohl eine lauschige Fahrt dorthin werden. Wenn es denn für mich eine
geben wird, Stichwort: Anstoßzeiten.
Als wir 2004 aus der Oberliga aufstiegen, habe ich mich schriftlich von
jedem beteiligten Verein der Liga hier verabschiedet. Das lasse ich jetzt
mal, es könnte nach fünf Jahren Drittklassigkeit am Stück
ziemlich ausschweifend werden. Es gab übrigens nur zwei Vereine,
gegen die wir in den fünf Jahren auch zehnmal angetreten, und die
ich beide mit großer Freude eins tiefer zurücklasse: Werder
Bremen II mit dem Nebenplatz 11, bei dem ja jeder Fortune weiß,
dass der auf einem alten Indianerfriedhof erbaut worden ist, da werden
wir nie etwas holen. Und der Wuppertaler SV, dessen Gastspiele bei uns
wie auch unsere Partien dort für mich stets zu den größten
Ärgernissen gehörten. Auch wenn ich in der Jugend selbst mal
vier Jahre dort gespielt habe. Aber ich war jung und brauchte den Trainingsanzug.
Schwere Zeiten für die Wuppis mit ihrem Zuschauerschnitt von 3.000
Männeken, die in den letzten Jahren in der Meisterschaft eigentlich
immer nur Zahltag hatten, wenn wir mal kamen. Trotzdem werde ich nie verstehen,
wie jemand (außer dem bekannt kompetenten WDR) das für ein
Derby halten kann.
Was bleibt aus dieser Saison, außer dem unbeschreiblichen Gefühl,
einen Aufstieg gepackt zu haben sowie einigen netten Ausflügen in
neue Gefilde nach Süddeutschland? Sicherlich ein Gegentor des Jahres
in Regensburg und ein Jahrhundertspiel in Braunschweig. Und ich hatte
letzte Saison schon mal geschrieben, wenn erst der schöne Claus und
Heidi auch mal ins Tor treffen würden, würde so einiges gehen.
Beide taten dies in dieser Saison und schwupps, schon steigen wir auf.
Fußball kann so einfach sein, manchmal.
Aber was bleibt aus zehn Jahren Abstinenz aus der 2. Liga? Da wäre
natürlich so einiges zu nennen. Wir haben viel mitgemacht und viel
erlebt. Von Idar-Oberstein, Salmrohr, Lüneburg und TeBe Berlin über
Freialdenhoven, Düren, Bergisch Gladbach und Yurdumspor Köln
bis Sandhausen, Aalen, Verl, Emden und selbst vor etwas so Skurrilem wie
Energie Cottbus II haben wir nicht halt gemacht. Und über allem thronte
natürlich in sieben der zehn Jahre der Nebenplatz 11. Wir haben uns
alles gegeben, meistens sogar umsonst, aber das hat uns nicht abgehalten,
es beim nächsten Mal erneut zu versuchen. Wir haben es verdient,
auch mal wieder Kaiserslautern, Aachen, Duisburg zu bekommen. Und nach
München in die Allianz-Arena zu fahren, und nicht an die Grünwalder
Straße. Es liegt an uns, das Abenteuer 2. Liga nicht zu einem lediglich
einjährigen Gastspiel werden zu lassen. Ich bin mir sicher, zumindest
die Fans werden auch alles geben. Zur Not halt wieder im Kölner Haie-Bus.
Hauptsache, wir sind rechtzeitig zum Anpfiff da.
Was mich zum Schluss bringt. Seit Jahren schreib ich mir die Finger wund,
um den Namen Fortuna Düsseldorf auch ein bisschen in den Regionen
hochzuhalten, in denen man sich kaum noch daran erinnern konnte, wie er
denn unfallfrei geschrieben wird. Nun haben wir es also geschafft, auch
wieder einer breiteren Öffentlichkeit vor Augen geführt zu werden,
allein schon durch DSF und premiere. Damit ist das Ziel, mit dem meine
Berichterstattung vor 7 Jahren begann, eigentlich erreicht.
Außerdem bekommen wir jetzt diesen tollen neuen DFL-Anstoßzeiten.
Freitags um 18 Uhr, am besten noch in München oder Rostock. Samstags
und sonntags um 13.30 Uhr, wenns nicht so traurig wäre, müsste
man darüber lachen. Vielleicht sogar montags um 20.15 Uhr, dann aber
bitte in Berlin oder Cottbus/Nürnberg, damit es sich auch lohnt.
Für den Arbeitgeber meine ich, weil man für solche Spiele gleich
zwei Tage Urlaub verplempern muss. Kurz, ich habe keine Ahnung, ob es
in der kommenden Saison mit den Spielbesuchen so klappen wird wie bisher.
Und nur Spielberichte aufgrund des unfallfreien Schauens von DSF oder
premiere sind weiterhin nicht mein Ding, das wäre albern. Abgesehen
davon habe ich gar kein premiere und werde mir auch sicherlich keins zulegen,
nur weil Fortuna jetzt in der 2. Liga spielt. Demnach kann ich also auch
nach dieser Saison nicht sagen wie es hier weiter geht. Kann sein, dass
alles so bleibt wie bisher, kann aber auch sein, dass man hier nur noch
sporadisch etwas Neues liest (wer hat da gerufen: Noch sporadischer???).
Daher danke ich auch in diesem Jahr wieder für treue Leserschaft.
Und wer schon die letzten Jahre durchgehalten hat, der kann nun wirklich
sagen, dass er hier einiges mitgemacht hat. Vielleicht Zeit, sich auch
mal ein wenig bewegte Bilder vom besten Club der Welt zu gönnen.
Aber nicht, dass es heißt, ich hätte hier zum Konsum von DSF
(ausgerechnet) oder zum Kauf von premiere-Decodern aufgerufen! Vielleicht
sind wir ja demnächst auch mal in Deiner Nähe, treuer Leser.
Dann würds mich freuen, wenn Du es Dir mal anschauen würdest.
Aber möglichst im Stadion. Denn das ist es doch, was Fußball
ausmacht. Spätestens seit dem Spiel in Braunschweig ist das wohl
jedem klar, der an jenem Nachmittag im Stadion war. Also: macht`s gut,
aber bis wann? Keine Ahnung. Wie üblich bei Fortuna.
Memory selects the truth
Poison pieces are removed
3. Liga war schön
Zeit für uns, zu geh`n!
Und nie vergessen: Fortuna Düsseldorf Alles Andere ist (nur)
Fußball!
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