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Zum vorletzten Mal schnüre
ich virtuell die Stiefel und laufe los, um nach hinten zu blicken. Die
letzten Wochen bei Fortuna waren nicht schön, aber da muss man durch.
Immerhin gabs zum Schluss ja noch etwas eher Unbekanntes zu bewundern:
ein Erfolgserlebnis. Aber bis man mal dorthin kam, war der Weg im April
ziemlich lang. Und mir persönlich auch zu schmutzig. Zum Glück
ist jedoch bald die Ziellinie in Sicht. Dennoch steht dieser Bericht für
mich eher unter dem Motto: so mies kann Fußball sein. Und zwar in
jeder Beziehung.
Frohe Ostern
Ostersamstag. Da kann man schöne Sachen machen. Man kann ein bisschen
shoppen gehen und darüber staunen, zu welchen Hamsterkäufen
harmlose Hausfrauen in diesem Land fähig ist, wenn ein Montag bevorsteht,
an dem die Geschäfte geschlossen haben werden; man kann vielleicht
auch einen lustigen Tagesausflug mit den Kindern ins Phantasialand machen.
Da muss man zwar bei den einzelnen Attraktionen genau so lange anstehen
wie im Supermarkt, kriegt die Blagen aber schön müde gelaufen
(bzw. gestanden), sodass sie abends folgsam früh ins Bett marschieren
und man selbst in Ruhe die Ostereier für den nächsten Tag verstecken
kann; man kann sich auch einen leeren Kanal im Fernseher einstellen und
sechs Stunden lang das Testbild anstarren. All dies (und ich meine wirklich
alles) wäre sinn- und gehaltvoller gewesen, als in die LTU-Arena
zu fahren und sich die Partie Fortuna Düsseldorf Hertha BSC
II anzutun. Denn das war moderne Folter, die vielleicht der Regisseur
von Hostel II noch nachträglich in sein bereits abgedrehtes
Schlächter-Sequel einbauen könnte, aber mit Fußball hatte
es rein gar nichts zu tun.
Wir wollen es daher auch kurz machen. Das dicke Ende, was diese Partie
betrifft, kommt eh später (dies bitte sporadisch im Gedächtnis
behalten). Fortuna, zweitschlechteste Rückrundenmannschaft, verlor
gegen Hertha II, schlechteste Rückrundenmannschaft, sang- und klanglos
mit 0:2. Allein das Ergebnis ist schon das Aufregendste am gesamten Spiel,
es entstammt schließlich einem Chancenverhältnis von 0:1. Beim
ersten Tor, bei dem ich mich weigere, es als aus einer Chance heraus
zu bezeichnen, kam alles zusammen, was eine Mannschaft ausmacht, die,
Andy Brehme sei Dank, Scheiße am Fuß hat, wenn sie Scheiße
am Fuß hat. Da gibts bei Hertha II so einen kleinen Flügelflitzer
namens Traore, den natürlich vorher niemand kannte. Wie auch, war
sein erster Einsatz von Beginn an für Hertha nach der Winterpause.
Der spielte auf der linken Seite des Spielfelds mal eben einigen Fortunen
Knoten in die Beine. Sah hübsch aus, unsere Spieler dilettierten
auch eifrig mit, das Ganze hatte allerdings einen Schönheitsfehler:
beim letzten Zweikampf setzte sich Traore eindeutig mit der Hand durch,
legte sich den Ball quasi händisch vor. Bis unters Tribünendach
zu sehen. Der Schiri sah es wohl auch, dachte aber anscheinend mitleidig:
nun lasst dem Kleinen doch mal den Ball, der gibt den doch gleich eh freiwillig
wieder her, und ließ weiter spielen. Das wiederum verblüffte
Herrn Traore anscheinend so stark, dass er die Kugel aus halblinker Postion,
ca. 15 m vor dem Tor, tatsächlich sofort wegpöhlte. War wohl
als Flanke gedacht. Aber da es derzeit so ist, wie es ist (siehe Andy
Brehme), drehte sich die Kugel schön zum Tor hin und schlug im langen
Eck ein. Gefolgt von einem 60-m-Sprint des Torschützen quer über
das Feld, der begreiflicherweise gar nicht glauben konnte, was er da aus
Versehen vollbracht hatte. Sah aber sehr hübsch aus und war somit
definitiv der Höhepunkt des Spiels, über dessen weiteren Verlauf
wir gnädig den Mantel des Schweigens hüllen wollen. Es war mit
Abstand das schlechteste Saisonspiel der Fortuna, man konnte die vorherigen
armseligen Darbietungen der Spiele bei Dortmund II und Werder II noch
locker unterbieten. Hertha war kein Stück besser, aber die mussten
ja auch nicht. Die droschen einfach alles hinten raus und schickten in
der 77. Minute wieder den Traore mit einem langen Befreiungsschlag über
links. Der nahm seinen Bewachern im Sprint auf 10 Meter gefühlte
9,5 ab, kurvte in den Strafraum und schob zum 0:2-Endstand ein. Die einzige,
halbwegs herausgespielte Torchance im gesamten Spiel. Sie wurde dann auch
gleich doppelt belohnt, Hertha machte den ersten Dreier im Jahr 2007,
und deren Trainer Karsten Heine fand sich eine Woche später auf der
Bank der Hertha-Profis wieder, als dort der schöne Falko sein Haar
zum letzten Mal gefönt hatte. Ich finds ja immer unglaublich, dass
solche Un-Spiele auch noch Sieger haben dürfen, aber
das kennen wir ja schon. Und auch wenn das erste Gegentor zwar schön
anzusehen, aber wieder einmal irregulär erzielt worden war, so ist
das keine Entschuldigung für die Leistungsverweigerung, die dort
auf dem Rasen stattfand. Was allerdings so manche Fan-Reaktion nicht im
geringsten rechtfertigt. Nachdem einige wahre Fans nach dem Spiel in Bremen
schon ihre halbvollen Bierbecher Richtung Mannschaft geschleudert und
einzelne Spieler bespuckt hatten (und sich anschließend übrigens
darüber aufgeregt hatten, dass im verbalen Schlagabtausch auch mal
das Wort Arschloch aus Spielermündern gefallen war),
gab es diesmal wohl einige persönliche Pöbeleien, auch gegen
Leute, die nun wirklich nix dafür konnten wie z.B. die Angetraute
von Jörg Albertz. Dieser sagte daraufhin in einem Interview, für
ihn sei am Saisonende Schluss, noch ein Jahr 3. Liga tue er sich nicht
an. Das ging natürlich gar nicht, seitdem ist er der Nestbeschmutzer,
Söldner und wasweißichnoch schlechthin. Ist übrigens interessanterweise
genau das, was er vor Saisonbeginn gesagt hatte (bei Aufstieg noch ein
Jahr länger, ansonsten nicht), aber damals war die Aussage in mehrere
Nebensätze unterteilt, die haben einige Blitzbirnen wohl bis heute
nicht verstanden. Ergo: ein Verräter, wie er im Buche steht.
Aber haken wir diese Blamage doch jetzt ab. Denn wie gesagt, zu diesem
Spiel kommt gleich noch etwas, das dann auch wieder verdeutlicht, warum
wir einfach nur die besten Fans der Welt haben.
Berlin, Berlin, wir fahren nach... *gähn*
Spielen wir doch zur Abwechslung mal gegen Berlin. Am Samstag, 14.04.07,
ging es zur Alten Försterei, um die Klingen mit Union Berlin zu kreuzen.
Zuvor, am Freitagabend gab sich noch mein Zweitverein, der Hamburger SV,
die Ehre, recht anreisegünstig in meiner Nähe, nämlich
in Mönchengladbach, aufzulaufen. Ja, vor diesem Wochenende dachte
ich mir: Gönn dir doch mal was! Am besten Fußball.
Zwar sah ich leider kaum welchen, aber der Freitagabend endete wenigstens
mit einem Happy End für mich. War schon amüsant, wie sich in
Gladbach zweiundzwanzig Spieler eigentlich mit einem 0:0 abgefunden hatten,
und ausgerechnet der langzeitverletzte Ersatzspieler, der in der 90. Minute
zum Zeitschinden eingewechselt wurde, hatte dazu keine Lust und machte
noch eben schnell das entscheidende Tor. Bis vor einigen Wochen hätte
man auch glatt vermuten können, dies sei ein Stadionbesuch der vorbereitenden
Art gewesen, wäre es doch möglich gewesen, mindestens einen,
wenn nicht gar zwei Gegner der nächsten Saison mal aus der Nähe
zu beobachten. Hat sich wohl erledigt. Auf jeden Fall war es recht unterhaltsam,
das gab Kraft für den nächsten Tag. Den nämlich haute man
sich dann auf den Autobahnen zwischen Bonn und Berlin um die Ohren.
Nicht, dass es nichts zu sehen gab: dafür sorgen allein schon diverse
Straßen, die aus Berlin wieder hinausführen. Es drängt
sich unwillkürlich der Gedanke auf, jede Ausfallstraße, die
groß genug ist, um durch eine Leitplanke unterteilt zu werden, bekommt
dort ein Schild mit einem A und drei Ziffern drauf und wird
somit kurzerhand zur Autobahn erklärt. Ich finde es ja nicht unsympathisch,
dass der Berliner an sich dem Besucher suggerieren möchte, wie schnell
man aus seiner Stadt wieder verschwinden kann. Ich leiste dem auch gerne
Folge. Man müsste nur ein wenig weiterdenken und all diese lustigen
Ausfallstraßen auch in den einzelnen Stadtteilen mal ausschildern.
Und wenn das schon geschieht, dann hat sich in anderen Großstädten
durchaus eine sinnvolle Beschilderungsfolge als nützlich erwiesen.
Aber in Berlin? Dem Hinweisschild zur A 100 und A 115 folgend, gerieten
wir an der übernächsten Kreuzung an ein Hinweisschild, welches
plötzlich den Weg zur A 102 und A 110 verhieß. Da hatten sie
im Berliner Senat bei der Planung wohl mal den großen Zufallswürfel
ausgepackt anders ist das nicht zu erklären. Immerhin bringt
es einen in den Genuss, auch auf einem kurzen Ausflug nach Berlin ein
bisschen Sightseeing zu betreiben: Der Fernsehturm konnte gesichtet werden,
die Avus-Tribüne, der Grunewald, der Hauptmann von Köpenick,
eine 0:1-Niederlage an der Alten Försterei...doch, alles in allem
sehr abwechslungsreich, so eine Tagestour in die Bundeshauptstadt. Und
auch die Rückfahrt sorgte dann noch für die entsprechende Spannung:
Brennende Autos am Straßenrand in Sachsen-Anhalt, entflohene Sträflinge
mit der Warnung übers Radio (Achtung, bloß keine Anhalter mitnehmen)
in Niedersachsen, Cheeseburger auf einem Autohof im Schatten des Atommeilers
in Hamm-Uentrop und somit in Nordrhein-Westfalen da sage noch einer,
die A 2 habe nichts zu bieten! Nur Punkte für die Fortuna leider
nicht, und dann rettet auch die interessanteste Autobahn den Tag nicht
mehr.
Mehr ist zu diesem Spiel eigentlich nicht zu sagen, allein drei Szenen
sagen schon alles darüber, was für eine Art Partie es war, und
warum Fortuna sie verlor:
In der ersten Halbzeit Freistoß für Fortuna aus 40 Metern Entfernung.
Albertz drehte den Ball aufs Tor, so ein fieses Ding, das irgendwo um
den Fünf-Meter-Raum runterkommt und bei dem der Torwart dadurch irritert
wird, dass ca. 10 Leute zum Ball hin und anschließend daran vorbei
springen. Klappte hier auch, Union-Keeper Glinker verfehlte den Ball,
weil halb Berlin und Düsseldorf vor seiner Nase herumsprangen. Leider
stand hinter ihm noch ein Unioner und haute die Kugel einen Meter vor
der Torlinie weg.
In der 65. Minute dann Freistoß für Union aus 40 Metern Entfernung.
Biermann drehte den Ball aufs Tor, so ein fieses Ding, das irgendwo um
den Fünf-Meter-Raum runterkommt und bei dem der Torwart dadurch irritert
wird, dass ca. 10 Leute zum Ball hin und anschließend daran vorbei
springen. Klappte hier auch, Fortuna-Keeper Kronholm verfehlte den Ball,
weil halb Berlin und Düsseldorf vor seiner Nase herumsprangen. Leider
stand hinter ihm kein Fortune, um zu klären, und das Spiel war verloren.
So einfach kann Fußball sein.
Und in der 93. Minute dann noch der Nachweis, welche Art von Fußball
gespielt wurde: verzweifelte, flache Hereingabe von rechts in den Berliner
Strafraum, deren Abwehrrecke Schulz schlug in Höhe des Elfmeterpunktes
ein wunderschönes Luftloch, der Ball fiel genau vor die Füße
von Palikuca, der am 5-m-Raum völlig frei stand. Und das mit den
Füßen war dann auch sein Verhängnis, er kriegte sie nämlich
nicht sortiert. Und während der Berliner den Ball zuvor gar nicht
traf, spielte der Düsseldorfer mit Ball und Beinen Pingpong, bis
die Kugel weg, die Chance vertan und fünf Sekunden später das
Spiel beendet war.
So kompliziert kann Fußball sein.
Es war durchaus eine Steigerung zum Hertha-Spiel erkennbar, die Mannschaft
fightete, ergab sich nicht ihrem Schicksal, wirkte nicht lustlos, war
in der zweiten Halbzeit auch spielbestimmend. Aber es war alles nicht
sonderlich zwingend, bis auf das Riesending von Palikuca in der Nachspielzeit
sowie eine Chance für Cebe in der ersten Halbzeit, als er ganz alleine
auf Glinker zustrebte und dann einen Lupfer versuchte, den der Berliner
Torwart lässig entschärfen konnte, sprang zuwenig Zwingendes
dabei heraus. Wieder verloren.
Am Tag danach frischte ich vorsichtshalber meine Kenntnisse in der Oberliga
Nordrhein wieder auf. Wir spielen in der nächsten Saiosn auf jeden
Fall Oberliga, nach dem Union-Spiel fragte man sich nur, mit welcher Mannschaft.
Fortunas Zwote steht ja schon als Aufsteiger fest, aber in Anbetracht
der Leistungen der Ersten überkam einen das mulmige Gefühl,
die jungen Spieler der Reserve könnten ihre Sektflaschen eventuell
zu früh geköpft haben. Fortuna I näherte sich nämlich
mit Riesenschritten dem ersten Abstiegsplatz. Also dachte ich, ich seh
mich mal vorsichtshalber wieder auf den Plätzen um, die wir alle
kennen, und die doch keiner mit der Ersten Mannschaft wiedersehen wollte.
Anderthalb Stunden Sonnenbaden in Bergisch Gladbach beim Spiel gegen den
Bonner SC. Dabei wurde ein sensationeller Platzverweis beobachtet: Bonner
Spieler wird gefoult, bleibt verletzt liegen; Spieler von Bergisch Gladbach
schießt den Ball zurück zum Tatort; der Ball trifft den Spieler
aus Bonn, der am Boden liegt; der Schiri legt dies als Absicht aus und
zeigt dem Spieler aus Bergisch Gladbach Rot. Kann man mal machen, denke
ich. Allerdings im vorliegenden Fall, in dem der Schütze lockere
25 Meter (!!) vom gefoulten Spieler entfernt stand, wohl eher nicht. Wenn
das Absicht war, würde der Mann sicherlich kaum in der Oberliga spielen.
Aber es gibt halt solche Tage, da hat wohl auch ein Schiedsrichter keine
Lust mehr auf spannende und umkämpfte Schlussphasen. Die gabs dann
auch nicht, Bonn gewann 3:1, vor geschätzt 250 Zuschauern in einem
Stadion, in das 10.000 reinpassen würden. Danach wusste ich auch,
warum ich dieses Flair nicht sonderlich vermisst hatte.
Also wären nunmehr drei Punkte gegen den Abstiegskandidaten SV Wilhelmshaven
ganz schick gewesen, im Heimspiel am 21.04.07. Davor hatte der Fußballgott
allerdings eine Posse ganz besonderer Art gestellt, die mich endgültig
hoffen ließ, dass die Saison bald vorbei sein möge.
In der Disco mehr los als auf dem Platz
Wir erinnern uns kurz zurück Ostersamstag, Heimspiel gegen
Hertha BSC II, 0:2-Niederlage mit, höflich formuliert, unverschämter
Leistung des Gastgebers. Am Tag danach, also wohlgemerkt: am Ostersonntag,
nicht am Samstag nach dem Spiel sondern tatsächlich über 24
Stunden später, gedachten die Herren Kronholm, Cebe, Cakir und Wolf
mal eine kleine Sause zu machen. Warum auch nicht am nächsten
Tag, Ostermontag, war trainingsfrei. Die vier Spieler waren zwar clever,
sie wählten keine Disco in Düsseldorf, sondern wichen nach Krefeld
aus. Aber Fortuna ist bekanntlich überall. Und wichtige Fortunen,
die sowieso immer alles besser gewusst hätten, und die einen ziemlichen
Hals auf die Mannschaft schoben (und schieben), sowieso. Natürlich
kam es, wie es kommen musste. Irgendein wichtiger Stoffel erspähte
die vier Herren zu vorgerückter Stunde in besagter Discothek in Krefeld
und quatschte sie dort an. Und fühlte sich bemüßigt, in
einem privaten Internetforum am nächsten Tag seine Erlebnisse zu
schildern. Demnach wären die vier keineswegs betrunken gewesen, sondern
hätten im nüchternen Zustand ausgesagt, mit dem Trainer nicht
mehr klarzukommen, als Erklärung für die schwachen Leistungen
der letzten Wochen.
Nun weiß natürlich jeder, dass Fußballprofis, die von
wildfremden Leuten in der Disco angequatscht werden, nichts anderes zu
tun haben, als denen mal die mannschaftsinterne Problematik zu erläutern.
Na klar, macht doch eigentlich jeder von uns täglich, oder? Somit
ist der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte ja wohl klar. Allein der Discobesuch
ist ja schon ein Skandal. Und da bei uns nichts unentdeckt bleibt, war
ein weiterer Fan so frei, diese Schilderung einen Tag später mal
ins offizielle Forum zu tragen. Hinterher meinte er, er habe ja nicht
wissen können, dass dort auch die Presse mitlesen würde. Da
hab ich wirklich schon mal weniger gelacht, echt.
Das Ganze wurde dann noch eifrig von Leuten geschürt, die ihre eigene
Enttäuschung gern an anderen abreagieren, und das Volk bekam, was
das Volk wollte: am nächsten Tag stand die Story in der Zeitung,
der Verein bzw. der Trainer und die Spieler hatten den Schwarzen Peter.
Und ich bin mir ziemlich sicher, dass dies von einigen Fans
genau so gewollt war.
Die Spieler machten aus dem Discobesuch auch keinen Hehl, warum auch?
Das war einen vollen Tag nach einem Spiel, vor einem trainingsfreien Tag.
Wo ist das Problem? Das Problem lag darin, dass einige Herrschaften anscheinend
tatsächlich der Ansicht sind, wer schlecht arbeitet, hat auch kein
Recht, auszugehen. Ah ja. Jetzt weiß ich auch, woher der Aufschwung
in diesem unserem Land kommt. Denn da der normale Arbeitnehmer ja am Wochenende
fleißig weiter ausgeht (anders sind volle Kneipen und Discos ja
wohl kaum zu erklären) werden die wohl alle auf ihrer Arbeit keine
Fehler machen. Denn diejenigen, die das forderten, werden selbstverständlich
mit gutem Beispiel vorangehen und sich bei schlechten Leistungen im Betrieb
(die, so glaube ich, jeder mal abliefern kann) konsequent drei Tage zwecks
Selbstkasteiung zuhause einschließen. Kann man nicht vergleichen?
Stimmt, aber es kommt dann halt auch meist von denjenigen Leuten, die
auch sonst ihre eigene Arbeit mit der eines Fußballspielers gleichsetzen,
man kennt ja das Genöhle: Wenn ich solch eine Arbeit abliefern
würde wie die auf dem Platz, wär ich schon längst entlassen
worden! Man bekommt das Gefühl, die betrachten die Spieler
als ihre Leibeigenen, denen man mal kurz vorschreiben kann, wann die mit
dem Daumen im Mund zuhause bleiben müssen, wann man mal vorsichtig
die Nasenspitze rausstrecken und wann ordentlich abgefeiert werden darf.
Eben nicht nach Selbstbestimmung, sondern je nachdem, was der Stammtisch
von den zuvor erbrachten Leistungen hält. Daumen rauf oder Daumen
runter, schön wie im alten Rom. Zu diesem Urteil befähigt durch
den Kauf einer Eintrittskarte und vielleicht durch die Durchführung
einer Reise zu einem Auswärtsspiel. Wo bin ich hier eigentlich?
Nun gut, normalerweise interessiert sich ja kaum jemand für das,
was die Masse so spricht. Und das ist auch ganz gut so, der Mob ist selten
ein guter Ratgeber. In diesem Fall hatten es diese Leute dann aber geschafft,
die Story schön öffentlich zu machen, sodass der Verein reagieren
musste. Da werden sich einige gefreut haben, besonders diejenigen, die
Trainer Uwe Weidemann die Pest an den Hals wünschen, und die haben
sich mittlerweile exponentiell vermehrt. Klar, beim Fordern von Köpfen
ist die Masse naturgemäß schneller dabei als z.B. beim Fordern
von Konzepten. Ist ja auch langweiliger. Bezeichnend hierzu ein Eintrag
im Forum: Natürlich ist es nicht NUR Weidemann, aber irgendwo
muss man ja mal anfangen. Natürlich, wer lässt den Tag
schon gerne ungenutzt verstreichen?
Der Trainer konnte in dieser Sache nur verlieren, egal, wie er entscheiden
würde. Würde er nichts unternehmen, könnte man ihm vorwerfen,
die Mannschaft nicht mehr zu erreichen; würde er doch etwas unternehmen,
würden dieselben Leute ihm vorwerfen können, zu überzogen
reagiert zu haben, besonders wenn das Spiel in die Hose gehen würde.
Er wählte die zweite Alternative, und schwupps donnerstags
verkündet, war Samstagmittag schon das Transparent fertig: Freiheit
für die Säufer Uwe raus! Na klar. Es
würde mich nicht wundern, wenn der zweite Teil des Transparents schon
Donnerstag Abend fertig gewesen wäre, man musste nur noch darauf
warten, welchen Anfang man davor setzen musste. Ob da nicht einige Leute
gehofft haben werden, Fortuna solle das Spiel verlieren, damit der ungeliebte
Trainer gleich mit stürzen würde? Bei manchen Leute mag ich
dies nicht mehr ausschließen, denen scheint jedes Mittel recht zu
sein. Dies hatte man schon in der Vorwoche gesehen, als der Trainer nach
dem Spiel in Berlin von eigenen Anhängern übel beleidigt
wurde, zuzüglich einer besonderen Variante, als einer ihn besonders
kreativ anbrüllte: Ich werde dafür sorgen, dass du deinen
Vertrag hier nicht erfüllst! Kann sich ja jeder selbst ausrechnen,
ob das eine Drohung oder nur ein Versprechen war...
Jedenfalls verkündete Weidemann nach einem Gespräch mit der
Viererbande, die diese unglaubliche Verfehlung begangen hatte, dass er
sie für das Spiel gegen Wilhelmshaven zunächst nur auf die Bank
setzen würde, schloss aber einen Einsatz per späterer Einwechslung
nicht aus. Zusätzlich gab es noch eine Geldstrafe für alle.
Und genau die hätte es meiner Meinung nach auch getan, wenn überhaupt.
So machte sich der Trainer wieder ein Stück angreifbarer, indem er
eine Strafe aussprach, die keine echte war und auch noch unterschiedlich
ausfiel, denn während Wolf bei ihm eh keine Chance mehr bekommt,
wurden Cebe und Cakir im Laufe des Spiels eingewechselt. Torwart Kronholm
natürlich nicht, und damit war er seinen Stammplatz an Patrick Deuß
wieder los. So kanns gehen, wenn du mal von Düsseldorf nach
Krefeld in die Disco fährst....
Ach ja, Fußball gespielt wurde ja auch noch. Und zwar genau wie
im Hinspiel. Frühe Führung für Fortuna nach einer knappen
Viertelstunde, früher Ausgleich für Wilhelmshaven, eine Viertelstunde
später Endergebnis 1:1. alles wie im Hinspiel, sogar die Spielminuten,
in denen die Tore fielen, passten fast genau, nur die Torschützen
waren andere. Das 1:0 markierte Andy Lambertz, der eine Linksflanke von
Jörg Albertz aus kurzer Distanz ins linke Eck drücken konnte,
den Ausgleich besorgte Steffen Bury, der ebenfalls aus kurzer Distanz
abstaubte, als die Fortuna-Abwehr nach der einzigen (!) Ecke für
Wilhelmshaven im gesamten Spiel den Ball nicht wegbekam. Auch diesem Treffer
ging eine nicht ganz regelkonforme Aktion voraus, der Torschütze
räumte seinen Gegenspieler Jens Langeneke nämlich kurzerhand
per Schubser beiseite, weil der so blöd im Weg stand, der Schiri
freute sich über den Anflug internationaler Härte in der Regionalliga
und gab das Tor. Nicht nur einigen Mannschaften, inklusive der Unsrigen,
scheint im Endspurt die Luft auszugehen, einige Pfeifenmänner hätten
wohl auch nach der Hinrunde mal besser aufhören sollen. Aber auch
hier darf diese Fehlentscheidung nicht als Ausrede für den Punktverlust
gelten, denn Wilhelmshaven war mit Abstand der schlechteste Gegner, der
sich in dieser Saison in der LTU-Arena vorstellte, dagegen war das Gebolze
und Gedresche der Hertha-Bubis zwei Wochen zuvor schon fast Spielkultur
gewesen. Wilhelmshavens Trainer Kay Stisi bekannte auch nach dem Spiel
in der Pressekonferenz freimütig: Fortuna hat uns überrollt.
Das stimmte zwar, aber wenn man dann das Toreschießen vergisst,
kann es mit dem Sieg schon mal eng werden. Ein Dutzend guter bis hochkarätiger
Chancen, 11:1-Ecken, der Gegner größtenteils ständig mit
zehn oder gar allen elf Spielern am eigenen Strafraum, die versuchten
gar nicht erst, nach vorne zu spielen nur der Ball, der wollte
nicht ins Tor. Und wenn ich immer so fleißig Andy Brehme zitiere,
bring ich natürlich auch gerne noch das Bonmot eines anderen Spielers,
der ebenfalls nicht im Verdacht steht, das Denken erfunden zu haben und
wahrscheinlich gerade deshalb eine der meistzitierten Gestalten des Fußball-Zirkus
wurde. Denn wer kennt seinen Jürgen Wegmann nicht? Zuerst hatten
wir kein Glück, dann kam auch noch Pech hinzu. Einen Kopfball
von Podszus (ja! Der Mann kann so ca. einmal pro Spiel tatsächlich
noch einen Ball aufs Tor bringen, anstatt daneben oder drüber) lenkte
der gute Wilhelmshavener Keeper Damerow an die Latte, bei einem Feinbier-Schuss
aus 20 Metern konnte er nur bewundernd hinterher gucken, wie das Ding
ebenfalls von der Latte gleich mal wieder 20 Meter ins Feld zurückflog,
solche Wucht hatte der, und soviel Wut steckte darin. Aber es nutzte nix,
sie konnten machen, was sie wollten, ein weiterer Treffer sprang dabei
nicht heraus, und zum Schluss musste man noch dem Schiri danken, der bei
einem der an einer Hand abzuzählenden Angriffe der Jadestädter
einen Zusammenprall im Fortuna-Strafraum als Foul abpfiff und dadurch
einem weiteren herbei geeilten Gegenspieler die Gelegenheit nahm, aus
acht Metern völlig freistehend aufs Tor zu schießen. Das wiederum
erregte den Wilhelmshavener Coach so sehr, dass er sich für die letzten
Sekunden des Spiels noch den Gang auf die Tribüne einhandelte. Vielleicht
war er auch kurz zuvor erst wieder aufgewacht, denn das Spiel war in der
zweiten Halbzeit dermaßen einseitig bzw. eintönig, weil man
irgendwie sehen und ahnen konnte, dass die auch nicht mehr ins Tor treffen
würden, wenn sie drei Stunden weiter spielen würden. Da konnte
man schon mal kurz wegnicken, und wer durch Feinbiers Lattenkracher nicht
geweckt wurde, der hatte gute Chancen, bis zum Ende durchzumurmeln. Naja,
wenigstens nicht verloren.
Von der Schippe gesprungen?
Am Sonntag, den 29.04.07, wurde dieser doch wenig erquickliche Monat dann
mit dem Auswärtsspiel bei Bayer Leverkusen II abgeschlossen. Keine
Ahnung, warum die das Spiel auf Sonntag verlegten, vielleicht war das
psychologische Kriegsführung, man wollte mal zeigen, wann man sich
in der nächsten Saison wiedertreffen könnte, denn die Oberliga
spielt ja bekanntlich zumeist sonntags. Und man konnte wirklich die Flatter
bekommen, denn am Tag zuvor hatte Borussia Dortmund II, Inhaber des ersten
Abstiegsplatzes, mal wieder gewonnen, diesmal 3:1 beim VfB Lübeck,
die eine ähnliche Katastrophenrückrunde wie wir spielen. Torschützen
waren übrigens die unbekannten Kicker Sahr Senesie und zweimal Lars
Ricken, war also doch gut, dass ich mir den Namen dieses Nachwuchsspielers
aus deren Spiel gegen uns vom März gemerkt hatte. Das scheint ja
wirklich einer zu werden! Damit verkürzte der BVB den Rückstand
auf das spielfreie Kiel auf vier Punkte, und auch wir hatten plötzlich
nur noch sechs Punkte vor. Bei einer Niederlage in Leverkusen und noch
fünf ausstehenden Spielen würde es dann noch einmal richtig
eng werden.
Aber an diesem wieder mal herrlich sonnigen Nachmittag zeigten die Spieler,
dass sie das Fußballspielen noch nicht gänzlich verlernt hatten
und siegten mit 3:1. Und das, obwohl der Schiri ihnen wieder mal einen
Stein in den Weg legen wollte. Wir schreiben die 35. Minute, Fortuna führt
verdient mit 1:0 durch ein Tor von Cebe, ein Angriff der Leverkusener,
Ball in den Strafraum, ein Fall, ein Pfiff, und der Schiri deutet nicht
nur zur Verwunderung aller (auch der Leverkusener) auf den Elfmeterpunkt,
sondern zeigt David Krecidlo auch gleich mal schwungvoll Rot. Und das
frisch nach seiner vierwöchigen Verletzungspause. Was für ein
Comeback! Warum der Schiri dies tat, blieb übrigens unklar, der WDR-Videotext
meldete absichtliches Handspiel, die Homepage des DFB sprach
vom Verhindern einer Torchance, sprich: Notbremse. Wird schon
irgendwas gewesen sein. Man kann sich auch nicht beschweren, es war schließlich
derselbe Schiri, der uns in der letzten Saison einen ebenso umstrittenen
Elfmeter in letzter Sekunde zum 3:2-Sieg gegen Erfurt gegeben hatte. Man
sieht sich halt immer zweimal im Leben.
Pierre de Wit verwandelte den Elfer zum 1:1, und man durfte befürchten,
dass in der 2. Halbzeit alles wieder seinen gewohnten Gang gehen würde.
Aber nein, diesmal nicht, in Unterzahl rafften sich die Fortunen plötzlich
auf, liefen, kämpften und spielten gut, ließen keine Torchance
des Gegners mehr zu und siegten völlig verdient durch Treffer von
Henri Heeren und mein Gott! Sebastian Kneißl. Dass
ausgerechnet der Kneißl, Winterpausen-Einkauf mit bislang null Durchsetzungsvermögen
und eher sporadischen Lichtblicken, wenn er denn mal auf dem Feld war,
es wagte, ein Tor zu schießen, scheint wiederum einige Fans persönlich
zu verärgern. Nicht, dass der jetzt auch noch anfängt, Torgefahr
auszustrahlen!
Gleichzeitig ging übrigens das muntere Bäumchen wechsel
dich-Spiel im Tor weiter. Patrick Deuß machte zwar keine Fehler,
auch war er nach dem Spiel nicht in der Disco (obwohl, das hätte
ihm das Volk nach dem Sieg vielleicht sogar erlaubt), zog sich aber eine
Verletzung an der Schulter zu und wird mindestens drei Wochen ausfallen.
Somit rückt Kenneth Kronholm wieder zwischen die Pfosten. Ob freiwillig
oder unfreiwillig soviel Abwechslung wie bei der Besetzung des
Torwartpostens in dieser Saison hatten wir schon lange nicht mehr für
irgendeine Position auf dem Platz. Und damit dies auch zukünftig
so bleibt, wurde heute (Donnerstag) gleich noch ein Keeper verpflichtet:
zur neuen Saison kommt Michael Melka von Borussia Mönchengladbach,
der mit Fug und Recht behaupten kann, am bevorstehenden Doppelabstieg
der Gladbacher aus Erster und Dritter Liga gänzlich unschuldig zu
sein, da er die laufende Saison doch eher auf den diversen Ersatzbänken
verbracht hat. Nach meiner Erinnerung kein schlechter, warten wir mal
ab, wie er sich so gibt, wenn er tatsächlich mal wieder spielen darf.
Sollte Kenneth Kronholm bleiben, muss man natürlich den Melka sofort
darauf aufmerksam machen, dass er sich von dem nicht arglistig in eine
Disco locken lässt...
Ach ja, und zwei Tage nach dem Spiel sagte Jörg Albertz in einem
Interview, er überlege nun doch, noch ein Jahr dranzuhängen,
auch in der Regionalliga. Seine Rücktrittserklärung
nach dem Hertha-Spiel sei nur eine spontane Äußerung aufgrund
der Beschimpfungen durch die Fans gewesen. Seitdem ergeht sich ein Großteil
selbiger genüsslich darin, mal alle seine Schwächen aufzuzählen
und zu fordern, er solle doch seinen Rücktritt vom Rücktritt
wieder zurücknehmen. Denn sich eine Sache anders überlegen,
zum Beispiel heute diejenigen in die Pfanne hauen, die man gestern noch
bejubelt hat das dürfen halt auch nur Fans, Spieler schon
mal gar nicht.
Abgesang
Fortuna nach diesem Spiel mit 44 Punkten auf Platz 11, wieder mit 9 Zählern
Luft nach unten, nach oben schaue ich schon längst nicht mehr (heimlich
natürlich doch 8 Punkte auf Platz 2, derzeit vom 1.FC Magdeburg
gehalten). Man will ja nicht unken, aber die Saison 2000/01 beendete Werder
II mit 45 Punkten auf dem ersten Abstiegsplatz (und blieb nur drin, weil
Sachsen Leipzig die Lizenz entzogen wurde). Mindestens ein Sieg dürfte
es also gerne noch sein. Wer weiß, was noch so alles in Dortmund
auflaufen wird, solange es möglich ist, jetzt, wo deren Profis den
Klassenerhalt wohl auch sicher haben. Fünf Spiele sind noch zu absolvieren,
dann ist diese Saison vorbei. Zum Glück.
Bei mir ist in dieser Saison einiges in Scherben gegangen. Klar bin auch
ich enttäuscht über den Verlauf der Rückrunde. Natürlich
hätte ich in der nächsten Saison auch lieber gegen Köln
und Mönchengladbach gespielt als gegen den SC Verl oder VfL Wolfsburg
II (beide souveräne Tabellenführer in ihren Oberligen). Und
das sogar montags. Jeder, der behauptet, dass ihm das egal sei, lügt.
Aber ich denke, ich habe die Mannschaft realistisch genug eingeschätzt,
um von vorneherein davon auszugehen, dass es auch in dieser Saison nicht
reichen würde. Umso ärgerlicher natürlich, dass es tatsächlich
möglich gewesen wäre (und immer noch möglich ist), weil
die Konkurrenz über lange Zeit ebenso spielte wie wir und einem guten
Spiel zwei schwächere folgen ließ. Man musste in dieser Saison
noch nicht einmal überragende Qualität besitzen, ein paar Unentschieden
weniger, und man hätte sich sogar die spielerischen Blamagen gegen
Dortmund, Bremen und Hertha leisten können und wäre trotzdem
immer noch oben dabei. Ich hätte mich darüber gefreut, aber
ich hatte es nicht anders erwartet. Damit bin ich allerdings, wie ich
mittlerweile feststellen musste, in der absoluten Minderheit. Ein Großteil
der Fans hatte sich zu Saisonbeginn wohl gedacht: wir haben genug von
dieser Liga, wir steigen einfach mal auf! Begründungen werden dafür
heute noch gerne gegeben. Da kommen so tolle Sachen wie Fortuna
ist ein Traditionsverein und gehört in die 2. Liga! über
Ich fahr zu jedem Spiel, das muss doch gefälligst mal belohnt
werden! bis hin zum für mich unübertroffenen Ich
will endlich mal wieder ein 7:1 gegen Bayern sehen! Das reicht den
Leuten, um mal locker zu fordern, dass gefälligst aufgestiegen wird.
Dazu noch ein schöne rosarote Vereinsbrille beim Betrachten des Kaders.
Wir haben den stärksten Kader der Liga! Ja nee, is klar.
Besonders, weil die Stammformation ja so unglaublich oft in dieser Saison
zusammen gespielt hat, es mögen sogar fünf oder sechs Partien
gewesen sein. Außerdem ist diese Feststellung ziemlich leicht zu
treffen, kommt sie doch meist von Leuten, die auf den Hinweis, dass auch
noch so die ein oder andere Mannschaft in der Liga mitspielt, stets entgegnen,
man habe auf sich selbst zu schauen, nicht auf die anderen. Tolle Phrase,
natürlich bewusst völlig falsch verstanden: die bezieht sich
auf ein Spiel, in dem man sich nicht das Spiel des Gegners aufzwingen
lassen sondern versuchen sollte, das eigene durchzuziehen. Wie man dieses
Argument beim Vergleich der Kaderstärke heranziehen kann, ist mir
ein Rätsel. Kurzum: der Anhang trat meiner Meinung nach in dieser
Saison mit einer zum Teil nicht mehr zu überbietenden Arroganz auf:
jaja, Stärke zeigen, auch wenns noch so lächerlich wirkt. Starke
Sprüche machen kann ja jeder, kostet nix und belastet einen selbst
nicht, umsetzen und gegenfalls ausbaden müssen es ja die auf dem
Platz, gleichgültig, ob sie dazu in der Lage sind oder nicht.
Und jetzt wird es also wohl nix mit dem Aufstieg. Sicherlich, möglich
wäre es gewesen in dieser verrückten Saison, auch mit diesem
Kader. Aber es soll wohl nicht sein. Das nennt man übrigens Fußball,
glaube ich. Überraschungen gibt es da schon mal. Die Enttäuschung
ist groß, vielleicht wurde auch schon ein halbes Jahr lang vor Freunden
und Arbeitskollegen geprotzt, sodass man jetzt ziemlich dumm da steht.
Und das geht natürlich nicht.
Schuld am Tabellenplatz ist die Mannschaft, ohne Zweifel. Schuld am Zusammenfallen
überzogener Erwartungen sind die Fans selbst, denn ich kann mich
nicht erinnern, dass zu Saisonbeginn irgendjemand im Verein vom Aufstieg
gesprochen hätte. Dazu war die Konkurrenz einfach viel zu groß.
Auch dies wurde den Verantwortlichen als Schwäche ausgelegt. Man
muss sich doch hohe Ziele setzen, ganz gleich, wie lächerlich und
angreifbar man sich damit macht. In der Leistungsgesellschaft dominiert
doch der, der Stärke zeigt! Auch wenn er sie gar nicht hat. Großes
Maul und nichts dahinter, das hätte unsere Devise zu Saiosnbeginn
sein sollen! Das hätte sich ja dann auf den Mannschaftsgeist übertragen
und zu einem richtigen Lauf führen können! Oder auch nicht.
Denn ich glaube, auch das nennt man immer noch Fußball.
Und in den letzten Wochen habe ich den Eindruck gewonnen, einige Leute
kommen damit nicht so ganz klar. Einige viele für meinen Geschmack.
Und das Ganze hat Ausmaße erreicht, die ich persönlich nicht
mehr bereit bin, zu tolerieren. Da werden Spieler angespuckt und mit Bier
überschüttet. Da wird der Trainer mit Hinblick auf seine ostdeutsche
Herkunft angepöbelt beschämend, ich dachte, so etwas
hätten wir längst hinter uns. Selbiger wird dann im Forum auch
unwidersprochen als Trainermüll bezeichnet, der sich
gefälligst verpissen soll. War on the terraces
wird für die letzten Spiele angekündigt, ich hoffe mal, nur
von einer Minderheit, aber wer weiß das schon? Spieler werden öffentlich
denunziert. Alles von Personen, die ihren eigenen Seelenfrieden über
die Suche nach Sündenböcken und alleinverantwortlichen Übeltätern
definieren und für die vor allem derjenige die Verantwortung für
Fehler zu übernehmen hat, der einem aus persönlichen Motiven
selbst am unsympathischsten erscheint. So fand ich in der letzten Woche
einen Thread vor, in dem die Presse dazu aufgefordert wurde, den Trainer
doch endlich mittels entsprechender Artikel aus dem Amt zu mobben, das
hätte doch bei anderen Übungsleitern auch funktioniert. Das
sollen angeblich alles Fans sein, die das schreiben. Natürlich echte
Fans, keine dieser Erfolgsfans, die uns die Arena bei Spielen gegen St.
Pauli, Osnabrück, Dresden und Wuppertal schön voll machten.
Die kommen nach dem Spiel gegen Wuppertal und den anschließenden
Auftritten der Mannschaft natürlich nicht mehr, gegen Wilhelmshaven
waren es noch knapp 5.000. Nein, der wahre Fan ist kein solcher, der dann
stumm zuhause bleibt. Der wahre Fan greift bei ausbleibendem Erfolg, den
er selbst einfach mal im letzten Sommer festgelegt hat, lieber zu den
oben genannten Mitteln. Aber wehe, man sagt dann Erfolgsfan
zu ihm! Das ist er selbstverständlich nicht, er ist aktiv.
Egal wie. Beleidigung, Bedrohung, Erniedrigung, alles ist erlaubt, weil
die Mannschaft einen ja um den Aufstieg betrogen hat. Jawohl, das Wort
Betrug konnte auch mehrfach vernommen werden. Komisch, ich
dachte immer, um um etwas betrogen zu werden, müsste man dieses Etwas
erst einmal besitzen. Man kann es noch nicht mal mit dem Kind vergleichen,
das plärrt, wenn man ihm sein Lieblingsspielzeug wegnimmt. Denn es
hat gar kein Spielzeug, das man ihm wegnehmen könnte, es hatte sich
nur eins ausgedacht und lässt nun andere dafür büßen,
dass wir hier nicht bei Wünsch dir was! sind.
Sichtbares Anzeichen für diesen Betrug sei übrigens
der letzte Sieg in Leverkusen gewesen.
Da habe die Mannschaft ihr wahres Gesicht gezeigt. Da viele in der Truppe
fürchten müssten, bei einem Aufstieg in die 2. Liga keinen neuen
Vertrag zu erhalten, weil sie nicht zweitligatauglich seien (Letzteres
denke ich übrigens bereits seit Saisonbeginn, aber egal), hätten
sie die vorhergehenden Spiele absichtlich versemmelt, um nicht in Aufstiegsgefahr
zu geraten. Jetzt, wo es aber nach unten noch einmal eng wird, da strengen
sie sich plötzlich an und gewinnen mal eben, auch wenn sie eine Halbzeit
in Unterzahl spielen müssen. Denn ihre Drittliga-Verträge wollen
sie ja alle behalten, in der Oberliga will auch keiner von denen spielen.
Es gibt Leute, die glauben so etwas! Manchmal kann man wirklich nicht
so viel essen, wie man kotzen möchte.
Da wird der wahre Fan, egal welcher Couleur, jetzt nur müde abwinken
und sagen: Das ist doch normal. Emotionen und so. Moderne Gladiatorenspiele
halt. Wir wollen Party, und wer sie uns verdirbt, der muss halt das Echo
vertragen können. Die werden ja schließlich dafür bezahlt.
Nein, werden sie nicht. Und ich möchte mal gerade diejenigen wahren
Fans sehen, die immer wieder ausführen, die Spieler müssten
sich auch persönliche Beleidigungen oder Bierduschen gefallen lassen,
weil das zu ihrem Job gehöre, wenn man bei denen im Betrieb aufkreuzen
und mit ihnen dasselbe machen würde, mit der Begründung Ich
hab grad eurem Portier nen Zehner gegeben, ich darf das! Das wären
die ersten, die beim Betriebsrat heulen würden. Oder die solchen
Besuchern einfach mal aufs Maul hauen würden. Aber das dürfen
die Spieler ja auch nicht. Die dürfen nur gewinnen. Und wenn sie
verlieren, zuhause bleiben. Schöne neue alte Welt.
Nun lebt natürlich der Fußball von seinen Emotionen. Und niemand
erwartet, dass Fans, deren Mannschaft gerade wieder den größten
Murks zusammengespielt hat, still und leise aus dem Stadion schleichen
oder gar die Mannschaft noch feiern. Aber es gibt Grenzen für mich.
Für andere nicht, denen ist jedes Mittel recht, um ihre Enttäuschung
über die eigenen überzogenen Erwartungen auf andere abzuwälzen.
Hauptsache, man muss sich nicht an die eigene Nase fassen, es könnte
ja zuviel Rotz dran hängen bleiben. Denn was für mich persönlich
das Fass zum Überlaufen bringt, ist Folgendes: all diese Aktionen
und Äußerungen, die abliefen und ablaufen, seit die Mannschaft
konstant schlecht spielt, werden natürlich nur von wenigen ausgeführt.
Kann man ja immer leicht sagen, gemessen an der Gesamtzuschauerzahl sind
zehn Leute, die mit halbvollen Bierbechern werfen, wirklich minimal. Für
mich sind es allerdings zehn zuviel. Und auf diese zehn kommen nun dummerweise
einige mehr, die solche Aktionen oder Aufforderungen oder persönliche
Beleidigungen vielleicht nicht gutheißen, aber vollstes Verständnis
dafür haben und dies auch kundtun. Dafür muss man doch auch
Verständnis haben, wenn den Leuten mal der Hut hochgeht! Den treuen
alten Fans, die noch die Bundesligazeiten erlebt haben und von den Derbys
gegen Köln und Gladbach träumten. Den jugendlichen Allesfahrern,
die seit Jahren jedes Dorf in der Ober- und Regionalliga abgrasen (wozu
der Verein sie selbstverständlich jede Woche zwingt), und die auch
endlich mal ins DSF kommen wollten. Denen muss man das doch nachsehen.
Nicht schön, diese Auswüchse, aber kann doch mal passieren.
Sie sind halt alle soooo enttäuscht von der Mannschaft und vom Trainer.
Ich darf fragen: wie enttäuscht? Wann bekommt der erste Spieler oder
der Trainer was aufs Maul? Es wird nicht mehr lange dauern, so meine Befürchtung
nach den letzten Wochen. Und wieviele Leute werden dann wieder auf den
Plan treten und sagen: Ja gut, das war nicht schön, aber man muss
denjenigen doch auch verstehen....wo er doch so bitter, bitter betrogen
wurde? Es werden einige sein, da bin ich mir mittlerweile völlig
sicher.
Als Krönung des Ganzen startete einer der bitter Enttäuschten
vor einigen Wochen einen Thread, in dem er offensichtlich stinksauer
etwas davon schrieb, die Verantwortlichen vom Arenadach baumeln
zu lassen. Der zuständige Admin verwarnte den User und löschte
den Beitrag. Dieser war jedoch in einer ersten Antwort bereits als Zitat
übernommen worden, blieb also sichtbar. Gab es einen Proteststurm?
Wurde hier endlich mal massiv dagegen geredet, dass es hier immer noch
nur um Fußball geht, und dass verletzte Eitelkeiten nicht so weit
führen dürfen? Haha. Die Anzahl der Leute, die denjenigen sinngemäß
fragten, ob er noch alle Latten am Zaun habe, kontne man an einer Hand
abzählen. Der Rest schwieg (und wird wahrscheinlich heute sagen,
er habe diesen Dreckspost gar nicht gelesen) und erweckte somit zumindest
bei mir den Eindruck, so ganz unsympathisch wäre das auf den ersten
Blick gar nicht.
Und das sind so die Momente, in denen weißt du, dass es genug ist.
Zumal ich selbst auch nicht geantwortet habe, die Feigheit muss ich mir
vorwerfen lassen, aber ich hatte keine Lust mehr. Bei anderen Leuten,
die bis heute in ca. 25 Postings pro Tag den Rauswurf des Trainers und
der halben Mannschaft fordern und dabei immer aggressiver werden, konnte
ich nicht feststellen, dass sie irgendwie die Lust verloren hätten.
Dann macht mal schön. Und wenn dann tatsächlich der erste vom
Arenadach baumelt, weil heutzutage eben alles möglich ist (ich erinnere
mal kurz an den Foltermord in der JVA Siegburg im letzten Winter, als
drei Gefangene ihren Mithäftling umbrachten, nur um mal zu
sehen, wie das ist und die hatte noch gar keiner um einen
bereits feststehenden Aufstieg betrogen), auch im Fußball, dann
wird man ja sehen, ob sich einer dazu bequemt, zu schreiben, dass sei
ja alles ganz schrecklich, aber man müsse den Täter doch auch
verstehen, soooo enttäuscht wie der sei. Und außerdem sei das
halt ein Berufsrisiko von Angestellten eines Fußballvereins in der
heutigen Zeit. Ich fürchte, mindestens ein Gehirnakrobat wird sich
tatsächlich finden...
Nein danke. Macht ihr mal schön, aber ohne mich. Kritik, Pfiffe,
Beschimpfungen, die nicht ins allzu Persönliche gehen, meinetwegen
auch Häme oder Boykott davon hat sich die Mannschaft in der
Rückrunde genug verdient. Auch der Trainer darf sich gerne mal hinterfragen
lassen, was er sich bei der ein oder anderen Aufstellung überhaupt
gedacht hat und ob er, wenn er mehrere Stunden zur Suche zur Verfügung
gestellt bekäme, so etwas wie ein System finden würde, das er
mal näher erläutern könnte. Aber mehr auch nicht. Dies
alles ist jedoch wohl zu langweilig. Mein Maß ist voll. Wohlgemerkt,
nur meins. Davon braucht sich niemand auch nur im Entferntesten angesprochen
fühlen, es ist nur meine persönliche Meinung. Die logischerweise
dazu führt, dass ich noch einen Bericht über die letzten fünf
Spiele der Fortuna in dieser Saison abliefern werde, und dann ist Feierabend.
Fünf Jahre sind auch genug, um den Buchtitel eines unbekannten Autors
mal ein wenig zu verfremden. Ob das jemanden überhaupt interessiert,
interessiert mich wiederum nicht, aber ich bin immer noch ein Freund davon,
eine Saison ordentlich zu Ende zu bringen. Es wäre schön, wenn
die Mannschaft dies auch könnte, aber wenn nicht so what?
Ich werd auch weiterhin hingehen, auch wenn ich kein wahrer
Fan sein sollte. Aber darüber schreiben werde ich nicht mehr (oder
höchstens sporadisch). Wie gesagt, ich habe keine Lust mehr. Wahrscheinlich
sehe ich das alles zu eng, nehme alles zu ernst und übertreibe maßlos.
Wahrscheinlich gibt es diese Art von Leuten in jedem Verein, zu jeder
Saison, zu jeder Zeit, schließlich steckt immer irgendwo ein Club
in der Krise. Mag sein. Ich denke auch nicht, dass viele Leute es vermissen
werden. Denn im Gegensatz zu einer Menge anderer Leute, die ein anderes
Selbstbewusstsein an den Tag legen, halte ich mich nicht für wichtig.
Und schon gar nicht für Fortuna. Ich bin Fortune, und ich bleibe
es auch. Ich möchte aber einigen anderen nicht zumuten, mich öffentlich
mit ihnen auf eine Stufe zu stellen, dafür bin ich wohl nicht tough
genug. Umgekehrt gilt aber auch dasselbe. Ich möchte nicht mit Leuten
in einen Topf geworfen werden, die beinahe alles tolerieren, wenn man
nur mal zeigen kann, wie enttäuscht man ist. Noch nicht mal, wenn
ich mich im selben Stadion befinde.
Noch 5 Spiele bis Saisonende: janus (Weichei)
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