Und jetzt...
...gehe ich erst mal in meine wohlverdiente Sommerpause!
Italien ist Weltmeister und ich gratuliere herzlichst. Heute verzeihe selbst ich Autokorsos, schließlich war das heute das Endspiel! Und alle Achtung, wir haben heute zwei richtig gute Mannschaften gesehen! Leider jedoch hatte das große Finale einen bitteren Beigeschmack. Wir alle hatten Zidane einen großen Abgang von der Fußballbühne gewünscht. Ob als Weltmeister oder Zweiter, das hat eigentlich keine Rolle gespielt, schließlich hat er uns in den letzten Tagen bewiesen, dass er noch immer zu den ganz Großen gehört. Zizou, wie kannst du dich so provozieren lassen!? Egal, was gesagt wurde, nichts lässt so eine Tätlichkeit rechtfertigen!!
Und wieder einmal konnten wir beobachten: Wahre Liebe gibt es nur im Fußball. "Gute Freunde kann niemand trennen", sang schon damals unser Kaiser, und als ich gestern nach dem Spiel Jürgen und Jogi so zusammen angeschaut habe, da dachte ich, wenn Klinsmann jetzt aufhören würde und zurück nach Amerika ginge, das wäre, als würde man Siegfried und Roy trennen. Alles war gut gestern abend, sogar auf dem Fernsehschirm kam eine Stimmung rüber, dass ich mir gewünscht habe, auch in Stuttgart gewesen zu sein, und das, nachdem ich nachmittags noch getönt hatte, das Spiel sei mir wurscht, denn dritter oder vierter ist doch sowieso egal. Dass wir dann noch ein richtig schönes Spiel zu sehen bekommen haben, hat die Sache aber dann doch schön abgerundet.
Frankreich oder Italien? Italien oder Frankreich??? So besser oder so besser?? Ich kann mich einfach nicht entscheiden, wer morgen Weltmeister werden soll! Was ziehe ich an??? Mein original getauschtes Frankreich-Trikot oder mein heissgeliebtes Italia-Jäckchen!? Italien oder Frankreich? Eigentlich wusste ich bisher immer eine ganz klare Antwort. Italien, das ist Gianfranco und Salvatore, Italien ist Pizza und Pasta, Italien ist blaues Meer und schwarzer Kaffee, Italien, das ist eine Sprache, die meine Ohren in erogene Zonen verwandeln. Und Frankreich? Frankreich ist der ungeliebte Frankzösischlehrer Herr Novak, der in der achten Klasse stets mit Vokabeltests drohte, Frankreich ist überteuertes,übersichtliches und oft auch noch blutiges Essen, Frankreich ist der Gestank von filterlosen Gitanes zum Frühstück. Aber Frankreich, das ist eben auch Zinedine Zidane, der großartige Zauberer, Frankreich ist die Truppe, die so souverän die seit Jahren überschätzten Brasilianer nach Hause geschickt haben, und dann sind da noch all die freundlichen Franzosen, die neulich zu Besuch im Waldstadion waren ..... Frankreich oder Italien? Ich kann mich nicht entscheiden und weiss schon jetzt, dass ich morgen wieder mal traurig sein werde, weil es einer von beiden nicht schaffen wird.
Die Regelmäßigkeit meiner Tagebucheinträge lässt stark zu wünschen übrig, das gebe ich zu. Das liegt nicht nur daran, dass ich gemerkt habe, Arbeit und WM passen irgendwie nicht wirklich zusammen, und daran, dass ich zu Hause über eine Woche ohne Internetzugang war, sondern auch daran, dass ich kurzfristig nach England reisen musste. Wirklich gutes Timimg war das mal wieder nicht, der Flieger hob am Mittwoch abend um halb zehn ab, ja genau, während des Halbfinales zwischen Frankreich und meinem WM-Favorit befand ich mich also radio- und fernsehlos über den Wolken. Und so musste ich mich mit englischer Zeitungslektüre und einer späteren Zusammenfassung des englischen Fernsehens begnügen. Inzwischen ist es längst bekannt: Portugal musste nun auch die Heimreise antreten, ich scheine die einzige zu sein, die den Iberern nachtrauerte, wurde doch meine Hoffnung auf große Geldgewinne noch länger geschürt als die derjenigen, die auf die großen Favoriten Brasilien, Argentinien und Deutschland gewettet hatten. Und niemand freute sich wohl mehr über das Ausscheiden Portugals als der Engländer. In der Zeitung "The Independent" las ich dann auch einen Schmähartikel über die portugiesische Kunst der Schwalbe, und dass es bei der portugiesischen Selecao gar noch mehr Schauspielkunst zu bewundern gäbe als in Statford-upon-Avon. Stratford-upon-Avon?? Genau dorthin führte mich doch meine anscheinend schlecht vorbereitete Reise! Stratford? Welcher Club spielt dort bloss, berühmt für sich fallenlassende Spieler!?? Alles grübeln half nicht, ich habe keine Ahnung.
Der Tag hat gerade erst angefangen, aber die verschiedensten Medien stimmten mich schon mal ein auf das, was heute passieren soll. Deutschland soll also ins wohlverdiente Halbfinale einziehen. Klar, das will ich natürlich auch.
Da ich eher selten in den Genuss komme, zu Gast in Männertoiletten zu sein, kann ich diese kleine Anekdote leider nur aus dritter Hand erzählen. Wir schreiben den 26. Juni 2006, der Schauplatz ist eine beliebige Gastwirtschaft in Köln, in der die WM Spiele übertragen werden. Warum die heutige Begegnung (Schweiz-Ukraine) von so vielen blau gekleideten Franzosen verfolgt wird, weiss ich auch nicht, aber das spielt eigentlich auch keine Rolle. Wie immer diesen Sommer gibt man sich Mühe, ein guter deutscher Gastgeber zu sein, und bietet höflichen Franzosen einen Sitzplatz zum Verzehr der Kölner Spezialitäten an, die von französischer Seite zwar zunächst misstrauisch beäugt, aber dennoch verzehrt werden. Auf Verlangen verkneift man es sich sogar, während die Gäste noch essen sich eine wohlverdiente Zigarette anzuzünden.
Einfach mal den Ton weg machen und nebenher Radio hören. Hr-info zum Beispiel überträgt alle Spiele. Bloss schade, dass der TOOOR-Schrei schon erschallt, bevor Villa überhaupt Anlauf nimmt... Dafür gibt es dort noch Kommentatoren mit Herzblut!
Gerade sind wir endlich wieder alle stolz darauf, deutsch zu sein, schon werden wir auch unheimlich multikulti und afrikophil. Die Zeit, da die deutschen Fans sich am liebsten in kanariengelbe Hemden hüllten und Samba tanzten, wenn Deutschland mal nicht spielte, scheint vorbei zu sein! Endlich!! Während des Ghana – Brasilien Spiels konnte man öfters laute “GHANA”- Rufe aus dem deutschen Fanblock vernehmen. Alle Achtung. Schon letzte Woche, nachdem Italien und Ghana ins Achtelfinale eingezogen waren, konnte man beobachten, dass viele Frankfurter, egal ob deutscher, italienischer oder anderer Herkunft, alle Menschen dunklerer Hautfarbe fröhlich begrüßten, sie zum Tanz und zur Verbrüderung aufforderten. Manch einer wird sich gewundert haben, vor allem die schwarzen Frankfurter Mitbürger, aber irgendwie stand Ghana eben stellvertretend für Afrika und dunkle Hautfarbe und alles was etwas anders ist. Trotzdem: ein schönes Bild, gerade nachdem viele WM-Besucher vor ihrer Reise vor Rassismus und Ausländerfeindlichkeit gewarnt worden sind. Bleibt nur zu hoffen, dass ein wenig von der Multikultifreude auch noch nach der WM erhalten bleibt....