Die Welt zu Gast an der Pissrinne
Da ich eher selten in den Genuss komme, zu Gast in Männertoiletten zu sein, kann ich diese kleine Anekdote leider nur aus dritter Hand erzählen. Wir schreiben den 26. Juni 2006, der Schauplatz ist eine beliebige Gastwirtschaft in Köln, in der die WM Spiele übertragen werden. Warum die heutige Begegnung (Schweiz-Ukraine) von so vielen blau gekleideten Franzosen verfolgt wird, weiss ich auch nicht, aber das spielt eigentlich auch keine Rolle. Wie immer diesen Sommer gibt man sich Mühe, ein guter deutscher Gastgeber zu sein, und bietet höflichen Franzosen einen Sitzplatz zum Verzehr der Kölner Spezialitäten an, die von französischer Seite zwar zunächst misstrauisch beäugt, aber dennoch verzehrt werden. Auf Verlangen verkneift man es sich sogar, während die Gäste noch essen sich eine wohlverdiente Zigarette anzuzünden.
Die fussballerische Spannung lässst an diesem Abend zu wünschen übrig, und so beschließt einer der Gastgeberland-Gaststättengäste, wenn er schon nicht am Tisch rauchen darf, eine kleine Entspannungspause einzulegen, um sich des nicht ganz sparsam konsumierten Kölschs zu erleichtern. Während er an der kölnischen Pissrinne steht, entweicht ihm ein herzhafter Furz. Das ware eigentlich keiner weiterer Erwähnung wert, ständen nicht in ebendiesem Moment zwei Franzosen neben ihm, die daraufhin anfangen, den besagten Menschen, der nichts weiter im Schilde führte, als sich von überschüssigen Flüssigkeiten sowie überschüssiger Luft zu entledigen, zu beschimpfen. So etwas gehöre sich aber nicht, bemerken sie in ihrer Landessprache, die zufälligerweise auch von dem betroffenen, nicht ganz ungebildeten Lehrer verstanden wird. Dieser rechtfertigt sich, "zut alors", sagt er wahrscheinlich, und: wo, wenn nicht auf der Toilette ist es erlaubt, diesem menschlichen Bedürfnis nachzugehen? Ja schon, antworten die Franzosen, aber dann doch bitte dezent lautlos.
Nun, was soll uns diese Gegebenheit sagen? Was ist die Moral von der Geschicht? Sind die Deutschen eben alle nur anstandslose Barbaren, die nicht nur am Tisch, sondern auch an anderen Orten keine Kultur besitzen? Ich weiss es nicht, denke mir "andere Länder, andere Sitten", und bin dankbar für die Anonymität geschlossener Damentoilettenkabinen.

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