22.5.2005

Mein Saisonrückblick

..Gedanken am Tag des Aufstiegs

Eigentlich rede ich nicht gerne über Fußball. Ich verstehe auch gar nichts davon. Aber ich gehe gerne ins Stadion. Was gibt es Schöneres als einen Sonntagnachmittagsausflug in den Wald oder ein entspannendes Feierabendspielchen am Freitag? Natürlich, auch mit dem Samstag werde ich mich sicher schnell anfreuden können.

Gerade habe ich meine erste Saison hinter mir, Zeit also für einen kurzen Blick zurück. Angefangen hat alles letztes Jahr im August. Oder begann nicht alles eigentlich schon viel früher? Als ich letzten Sommer nach Frankfurt zog, erinnerte ich mich meiner Wurzeln, hatte doch mein Papa vor langer Zeit als Kind für die Eintrachtjugend gespielt. Das prägt. Wenn ich auch als Kind selber nie wirklich von einer Fußballeuphorie erfasst wurde, so konnte ich es schon zu Grundschulzeiten in der nordhessischen Kleinstadt nicht verstehen, warum meine Freundin Marion vorgab, Bayern München Fan zu sein und Karl-Heinz Rummenigge zu verehren. Ich konterte mit einem Adleraufkleber auf meinem Schulranzen. Aber damit war das Thema auch erledigt.

Letzten Sommer jedoch unternahm ich einen zweiten Versuch. Gemeinsam mit sachverständigen Freunden machte ich mich ängstlich auf zum ersten Saisonheimspiel, Karlsruhe war zu Besuch. Ich war verunsichert. Schließlich kannte ich kaum einen Namen von Funkels Jungs, geschweige denn eine Rückennummer. Fragte ich die Sachverständigen, merkte ich schnell, dass auch für sie viele der jungen Spieler unbekannte Gesichter waren. Ein Glück. Also entspannt zurücklehnen und schauen was kommt. Einatmen, das halbfertige Stadion bewundern, noch ganz unter freiem Himmel und einer unsicheren Konstruktion, die erahnen lässt, dass hier etwas Spezielles entstehen wird. Und dann natürlich die vielen Menschen. Erwartet hatte ich einen Haufen pöbelnder Randalierer, die lautstark und betrunken politisch unkorrekte Parolen rufen, so wie man es aus Presse und Fernsehen kennt. Umso gerührter war ich, als sich vor dem Spiel ein riesenhaftes, selbstgemaltes Transparent entrollte, das den Eintrachtolymp zeigte, allen voran Uwe Bindewald, dem diese Zeremonie, nein, Choreographie galt, war er doch am Ende der letzten Saison von den Offiziellen recht lieblos mit einem Blumenstrauß verabschiedet worden. Aber nicht genug, dem Riesentransparent folgte ein Meer aus roten Papierherzen, die plötzlich von tausenden Fans hochgehalten wurden. Und spätestens dann wurde mir klar: Eintrachtfans können keine schlechten Menschen sein.

Es folgte eine Zeit des Lernens. Dresden, Oberhausen und 1860 kamen und gingen, während ich mich vertraut machte mit meinen neuen Gewohnheiten. Ein Dosenbier am Bahnhof, dann mit der langsamsten Straßenbahn der Welt und meinen 30000 neuen Freunden durch die gar nicht mehr fremde Stadt am Main Richtung Niederrad. Es dauerte nicht lange und ich konnte diese wunderbar altmodische Hymne mitsingen und fast selber an ihren Text glauben („Eintracht aus Frankfurt, Du schaffst es wieder, Deutscher Meister zu sein..."). Mit den Ritualen dauerte es etwas länger, aufstehen, wenn man Eintracht ist, hüpfen, wenn man kein Offenbacher ist, und einige Sprechchöre verstehe ich bis heute nicht.

Aber eines lernte ich sehr schnell. Das Leiden. Denn schnell wurde es Herbst, das Dach ließ auf sich warten, das Pokalspiel gegen Fürth erinnerte an eine längst vergangene Wasserschlacht, die Temperaturen sanken, und mit ihnen die Stimmung. Vier Niederlagen in Folge, kurz vor dem Abstiegsplatz, und die ersten Zweifel an meinem neuen Hobby kommen auf. Sollte ich mir eine befriedigendere Wochenendbeschäftigung suchen? Nein. Es zog mich immer wieder raus, andere Freunde gibt man schließlich auch nicht so leichtfertig auf, nur weil sie einen mal enttäuscht haben.

Und dann passierte etwas Wunderbares. Zum Geburtstag bekam ich einen selbstgestrickten schwarz-weiß-roten Schal, und wie durch ein Wunder wendete sich auch bei der SGE alles zum Besseren. Arie trifft wieder, mit Aue beginnt eine Serie von Heimspielsiegen, und ich sage mir, gut, der Schal und ich waren dabei! Und dann, zur Winterpause: Platz 5! Alles ist möglich! Auch wenn ewigen Zweiflern und der Presse noch der rechte Glauben fehlt.

Und schon ertappte ich mich bei Tätigkeiten, die ich noch vor gar nicht langer Zeit verachtete: DSF schauen, stundenlang bei Kicker online und eintracht.de surfen, über Fußball reden. Oder mit meinem Schal zum Premieregucken in die Kneipe, was sich ebenfalls als schwieriges Unterfangen herausstellte. Geht man in DIE angesagte Eintrachtkneipe, von der stets gesagt wird, nach dem Spiel kommt auch schon mal ein Spieler vorbei, wenn man jedoch reinschaut, sieht man nur ein eingeschworenes Grüppchen, das dort schon seit 25 Jahren sitzt und heute noch immer vom UEFA Cup träumt? Ich fühle mich fehl am Platz und versuche es zum nächsten Auswärtsspiel in einer neutralen, etwas zu amerikanischen Sportsbar. Dort geht man anscheinend nur am Samstag hin, Zweitligazuschauer bleiben einsam. Schließlich hilft mir einer der Sachverständigen auf die Sprünge: Der einzig wahre Platz zum Fußballschauen ist das Mistik Döner auf der Bergerstrasse, denn hier gibt es nicht nur den besten Döner der Stadt, sondern auch das authentischste Publikum. Unspektakuläre Menschen aus der Nachbarschaft verfolgen das Spiel auf einem kleinen Bildschirm überm Tresen. Und dort (und hier mache ich einen kleinen Zeitsprung) geht auch gerade ein Ball nach dem anderen bei Aue in den Kasten rein! Und kommentiert wird das ganze von einem Stammgast, dessen Stimme von Tor zu Tor beglückter, aber auch undeutlicher von den zahlreichen spielbegleitenden Lichers wird. Die familiäre Runde wird immer wieder aufgelockert durch Familienväter, die die Chance nutzen, den Sonntagsspaziergang kurz zu unterbrechen und einen kurzen Blick auf den Fernseher zu erhaschen, während draußen vor der Tür Kind und Frau ungeduldig warten. Ich fühle mich zu Hause.

Nur wenige Wochen später ist es dann soweit: das große Finale. Der kleine Rückschlag gegen Duisburg ist schon fast vergessen, als wir uns am 22. Mai in ein inzwischen perfekt bedachtes, mit Videowürfel versehenes Waldstadion, das inzwischen auch nicht mehr so heißt, begeben. Einiges hat sich geändert seit diesem Spiel im letzten August. Aber die Fans sind noch die gleichen. Man spürt die Anspannung, nur noch dieser eine Sieg, und alles ist perfekt. Mir ist nicht wohl, als viel zu früh dieses Lied angestimmt wird, das mit „Nie wieder" anfängt und mit „zweite Liga" aufhört. Auch die 60er haben schon zu laut getönt. Mir ist schlecht. Und dann kommt wieder das Leiden. Die ungewollten zweifelnden Gedanken... ob wir vielleicht doch noch nicht „reif" sind für die 1. Liga... und wir wollen ja auch keinen Abstiegskampf nächstes Jahr... Die Gedanken überschlagen sich. Aber dann... endlich... 1:0... 2:0... Ahlen führt in München, teilt mir der Handyliveticker mit... und mit Beierles Abschieds-3:0 der Abpfiff! Aufstieg!! 1. Liga! Alles wird gut! Alle tanzen, singen, und feiern! Naja, fast alle. Jens Keller sieht etwas traurig aus. Auch er hatte den lieblosen Abschiedsblumenstrauß entgegengenommen. Selbst wenn er es nicht in den Eintrachtolymp schaffen wird: wir vergessen ihn nicht.

 

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last update: 7-jun-05