| Allez les Bleues auf Schalke: Freundschaftsspiel Deutschland - Frankreich |
11. November 2003, Arena auf Schalke
... Auf Schalke ist spitze. Auch wenn es kein Schalke gab heute abend. Aber schon in der Staßenbahn fanden wir uns zwischen zahlreichen Gleichgesinnten, die ganz aufgeregt aus dem Fenster schauten, und, fast als wäre es Heiligabend und man wartete darauf, dass das Wohnzimmer endlich für die Bescherung freigegeben wird, schauten einige Kollegen ganz gebannt aus dem Fenster...: "sieht man sie schon??" Irgendwann sah man sie dann. Die Arena. Sah eigentlich so ähnlich aus wie so ein modernes Multiplexkino auf den ersten Blick. Viel Glas und blau beleuchtet. Und davor ein kleiner Veltins-Wagen, schnell noch kurz zum eins zischen vorher, mit Alkohol. Drinnen ist es dann doch beeindruckend. Riesig. Und weil man ja weiss, dass man auch den Rasen komplett entfernen kann, ist es noch mal beeindruckender. Auch wenn es heute abend doch gar keine Rolle spielt. Und das Dach, zunächst noch zu, lässt einen erst mal etwas skeptisch werden. Was denn? Hallenfussball? Irgendwann wurde dann aber auch für den Sternenhimmel geöffnet. Und wenn man früh genug da ist, ist es noch schöner. Man darf nochmal richtig nah dran ans Feld, auf die Plätze, für die man ja keine Karten kriegt und von denen aus es jetzt, fast zwei Stunden vor dem Spiel, natürlich auch noch nicht viel zu sehen gibt. Außer Anthony Buffo vielleicht, der 2 Stunden vor und bestimmt auch noch 2 Stunden nach dem Spiel über das grün schlendert, und alleine mit seinem Mikro zu meditieren scheint. Ganz zufrieden mit sich und der Welt. Und der große Würfel unter der Decke, von dem wir uns erhoffen, dass er uns später die spektakulären Tore von unsern Jungs in Slow Motion zeigen wird. Jetzt hat man noch die Chance, sich selber darin zu sehen. Und dann entweder wild zu winken oder beschämt zur Seite zu schauen. Ein älterer Herr im Würfel sah sich erst schüchtern um, um dann aber sofort seine Fahne unter dem Sitz vorzuholen. Merkwürdigerweise war die Fahne grün-weiss-rot und der Gesichtsausdruck des Herrn plötzlich verschmitzt. Die alten Bekannten sind natürlich auch schon da. Wahrscheinlich ging schon vor einiger Zeit der Run auf die begehrten Plätze los, die sich die unermüdlichen Banner-Jungs Spiel für Spiel erkämpfen. Und da hängen sie schon, so platziert, dass sie im Fernsehen auch nicht zu übersehen sind. Air Bäron und co. Gestern Leverkusen, heute Gelsenkirchen, darauf kann man sich eben noch verlassen. Worauf man sich nicht verlassen kann: Auf die leider wohl allgegenwärtigen unangenehmen, und nicht mehr lernfähigen Fans, die die Schweigeminute zum Gedenken der Opfer der Anschläge in Istanbul sowie des Schiffsunglücks in Frankreich mit lauten "Deutschland!" - Rufen unterbrechen. Auf die Ordner, die doch sofort diese wenigen Zuschauer aus dem Stadion befördern und ihnen sofortiges Stadionverbot bis mindestens 2006 erteilen sollten. Und .. moment mal: Die Nationalhymne wird heute auf Karaoke-Art gesungen! Fehlt eigentich nur der kleine rote Ball, der über den Text auf der Würfelleinwand hüpft. Vielleicht auch nur eine Vorsichtsmaßnahme, damit die eben erwähnte Stadionminderheit die richtige Strophe singt. Das allerdings setzt die Fähigkeit des Lesens voraus.... Nun ja,und kann man sich auf Rudis Jungs noch verlassen?? Wegen Euch sind wir doch eigentlich hier! Während in der ersten Hälfte trotz natürlich souverän überlegenen Franzosen sich noch alle Mühe geben, verschliessen wir spätestens nach dem 0:2 entsetzt die Augen. "Warum müssen wir uns das ansehen?" denkt sich die Mehrheit und schon lange vor Spielende leert sich das Stadion. Die Übriggebliebenen singen mit den paar Franzosen "Allez-allez", winken mit blauen Pullovern und sehen fassungslos mit an, wie die Jungs ihren gesamten Elan, der anfangs noch im Ansatz vorhanden war, verlieren und kapitulieren. Die Franzosen hatten ihren Spass daran. Obwohl sie vielleicht auch lieber ein wenig mehr gefordert worden wären. Schliesslich haben sie den langen Weg zurückgelegt... und das bestimmt nicht mit dem Vorsatz, uns zu verhöhnen. Nachher geht alles ganz schnell. Kaum ist der Schlusspfiff gepfiffen, sieht man von den schwarzen Hemdchen nur noch die Rückseiten und bald schon gar nichts mehr. Wo sind die Manieren geblieben? Verabschiedet man sich nicht noch von den Fans? Angst vor mehr Verhöhnung? Herr Kahn verlässt schon bald, schlecht gelaunt wie üblich und wortlos das Stadion. Ob er sich den guten Ratschlag, es sei doch Zeit für seinen baldigen Ruhestand, zu Herzen nehmen wird? Ich fürchte nein. Herr Ballack folgt, sichtlich niedergeschlagen und (ich ertappe mich) schon wieder mein Mitgefühl erregend, und gibt wenigstens noch ein paar Autogramme an die kreischenden jugendlichen Fans. Zumindest für die war es ein lohnender Abend. Für mich auch. Schliesslich sieht man nicht täglich Zinedine Zidane und ein Stadion mit Dach. Bloß die Verlierer ließen sich nicht so richtig bespaßen heute. Auch nicht der türkische Taxifahrer, der uns schließlich zum Bahnhof fuhr, und der wirklich andere Sorgen hatte als ein deutsch-französisches Freundschaftsspiel. Nur Letten haben wir keine getroffen. Die waren wohl alle feiern. |