24 Stunden: F&T besucht die EM
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20.06.2004, Porto Bessa, Deutschland - Lettland

04:30 - Der Wecker klingelt

05:30 - Etwas verloren stehe ich in Erlangen auf dem Bahnhof, nicht viele Menschen sind am Samstag um diese Uhrzeit unterwegs, schon gar nicht sommerlich bekleidet bei neun Grad Celsius, im Handgepäck nur das nötigste: Ein Fan-Schal, der mir nicht nur später im klimatisierten Flugzeug weiterhelfen soll, einen Brief vom ZDF, in dem mein Gewinn bestätigt wird und für den mir später die Eintrittskarten und Flugtickets ausgehändigt werden, etwas Sonnencreme, mein Personalausweis, ein paar Euro für Notfälle und eine Kamera. In Nürnbeg stößt der erste Reisebegleiter dazu und los gehts zur ersten Etappe Frankfurt, mit Halt in Hanau, wo wir eine kurze Gedenkminute an Hanaus großen Sohn und Ehrenbürger Rudi einlegen. Gutes Vorzeichen?

8:45 - Ankunft Frankfurt Flughafen. Jetzt ist auch das F&T Team komplett. Kurzer Kaffee und auf zum DFB-Schalter, wo uns vielleicht 200 andere Menschen in Trikots, bemalten Köpfen, Flaggen und mehr oder weniger geschmackvollen Outfits erwarten und eine Sponsorentüte mit Fan-Gimmicks in Empfang nehmen.

10:00 - Am Gate genehmigen wir uns einen Underberg, in Solidarität mit unserer flugangstgeplagten Fotografin. Ob wir uns hiermit die Anerkennung der Mitreisenden erschleichen oder ihre Verachtung, wissen wir noch nicht. Auf alle Fälle jedoch fühlen wir uns bestens gerüstet für den Flug nach Porto.

10:30 - Überraschend ruhig im Flugzeug. Ich hatte mit den ersten Gesängen gerechnet, hatte selbst noch Schlachtenrufe geübt, aber: nichts. Kreuzworträtsel wurden gelöst, das Condor-Unterhaltungsprogramm konsumierte man diskret über Kopfhörer und wahrscheinlich ist jeder Urlaubsflieger nach Mallorca lauter und undisziplinierter als diese DFB-Charter-Auswahl.

14:00 - Porto: Der Coca Cola Bus sammelt uns ein und bringt uns direkt zum Stadionparkplatz. Unterwegs unterrichtet uns Annabella, die Reiseleiterin fruendlich über ihr Land. Eine Rivalität gibt es in Portugal zwischen Lissabon, der Hauptstadt, und Porto, der traditionellen Arbeiterstadt im Norden. Lissabon hat es zur Hauptstadt geschafft, dafür wurde der FC Porto Meister und gewann dieses Jahr die Champions League. Und jeder scheint sehr stolz zu sein, auf das was er hat. Sei es nun der Fußball oder der Regierungssitz, Portwein oder, und das hat man sowohl in der nördlichen sowie der südlichen Metropole diesen Sommer: die EM! Aus allen Fenstern wehen die grün-roten Fahnen und im Vorbeifahren bekomme ich einen ersten Eindruck der Stadt: Der Hafen, die Vororte, große Einfallsstraßen, mehr Flaggen, und endlich der Parkplatz, an dem wir abgesetzt werden. Es bleiben uns fast drei Stunden bis zum Anpfiff. Ich versuche, mich daran zu gewöhnen, dass ich nicht mehr im für die Jahreszeit zu kühlen Franken, sondern in Portugal bin, auch hier übrigens ist die Hitzeperiode, die uns in der letzten Woche schon vorm Fernseher den Schweiß auf die Stirn getrieben hat, anscheinend vorbei, abgelöst von optimalen 25 Urlaubsgefühle-auslösenden Grad. Portugiesen sehen wir im Boavista-Viertel um das Stadion herum hauptsächlich, wenn wir an den Häuser-Fassaden heraufblicken. Was denken sie wohl über uns? Was denken sie über Männer, die ihre stattlichen Bäuche stolz vor sich hertragen, bekleidet mit nichts als einer schwarz-rot-goldenen Flagge als Rock? Ich habe die üblichen leicht unwohlen Gefühle, die mich stets überkommen, wenn ich das eher geschriene als gesungene Liedgut höre, die Deutschland-Rufe, in die ich so recht nicht einstimmen möchte, gehöre ich doch zu einem Teil meiner Generation, der sich trotz Gnade der späten Geburt stets ein wenig schuldig fühlt, dieser Nation anzugehören, auch wenn ich mir stets von neuem selbst beteuere, es ist völlig in Ordnung, das Land, in dem man geboren wurde und aufwuchs, auch sportlich zu unterstützen. Und das tue ich ja auch heute, auch wenn ich mich schon wieder eher als Beobachter fühle und mir wünsche, wir hätten eine Flagge in hübschen Farben wie z.B. Portugiesen und unsere Fans melodischere Lieder. Aber alles ist friedlich. Mit "Superbock"- Dosenbier eingedeckt setzen wir uns an den Straßenrand und beobachten das Treiben und sammeln Nationalitäten. Unsere eigene dominiert das Straßenbild, ganz klar, aber auch die bescheidenen Letten sieht und hört man zwischendurch, sowie vereinzelte Schweizer, Engländer, Dänen, Spanier. Die Stimmung kommt von ganz allein und es dauert nicht lange, und man ist angesteckt: der deutsche Mannschaftsbus taucht auf und fährt langsam in Richtung Stadion und ich kann es mir nicht verkneifen aufzuspringen und winkend hinterherzulaufen. Das wäre doch gelacht, wenn es unsre Jungs nicht schaffen würden!! Bom dia, bom Stimmung.

16:00 - Bessa Stadion - Unglaublich. Wir sind drin, haben Spitzenplätze in der vierten Reihe auf der sonnigen Gegentribüne, treffen die ersten Bekannten, und ich bin beeindruckt. Dies hier ist kein Vergleich zu einem Heim-Freundschaftsspiel, das hier ist die EM! Und ich bin mittendrin. Mittendrin fühlt man sich wahrscheinlich überall in diesem kleinen, übersichtlichen Stadion. Hier gibt es keine Aschenbahn, keine veritterten Absperrungen, nein, die Jungs, die langsam einlaufen, sind keine 10m entfernt.

17:00 - Anpfiff. Optimistisch und gut gelaunt starten wir in das Match. Und woran es auch immer liegen mag (Böse Zungen behauten, ich brächte der Mannschaft kein Glück!!), wieder einmal war die gute Laune fast verflogen und ich musste die zwei Finger der großen aufblasbaren ZDF-Hand dazu benutzen, mir nicht nur das erste Auge zuzuhalten. Die lettische Abwehr ist nicht zu knacken und den Rest kennt ihr aus dem Fernsehen.

19:00 - Nach dem Spiel müssen wir schnell zum verabredeten Treffpunkt. Irgendwie will bei mir trotz des 0:0 die gute Stimmung nicht so recht weichen. Schließlich bin ich in Porto, habe trotz Heiserkeit alles gegeben, und obwohl wir nicht gewonnen haben, trotz hoher Erwartungen nach dem schönen Holland-Spiel und obwohl bestimmt auch unsere elf alles gegeben hat (wenn man es wohlwollend betrachtet), trotz Mitleid mit Rudi, dessen Zukunft nach einem Vorrundenausscheiden vielleicht nicht so rosig aussähe, befinde ich mich immer noch in einer Art Ausnahmezustand. Am Staßenrand verkauft eine portugiesische alte Frau Superbock, die Dose für einen Euro, und ich denke zurück an mein erstes und einziges anderes Auswärtsspiel, letztes Jahr in Island, wo es bei den Bierpreisen schwierig war, sich über das 0:0 hinwegzutrösten. Und nun also schon wieder ein 0:0. Fange langsam an, selbst abergläubisch zu werden, eine typische Faneigenschaft, die ich immer gerne belächelt habe. Wer ist jetzt also schuld am Ergebenis? Ich? Oder doch Miro Klose, der das Spiel am Ende doch so schön noch hätte retten können? Die Hitze? Die Schuhe, scheuernde Socken? Nein, ehrlich gesagt waren es wohl die Letten. Die so ungern als Außenseiter bezeichnet werden. Und die auf dem besten Wege sind, sich internationalen Respekt einzuholen. Gesagt haben wir es ja schon vorher: Die Letten sind ja nicht zu unterschätzen. Aber gleichzeitig waren wir uns ja sehr sicher, dass sie UNS nichts anhaben könnten.... jaja, jede Analyse ist müßig, wir steigen in den Bus, Annabella erklärt uns noch ein wenig Wissenswertes über Porto auf dem Weg in die Altstadt, wo wir noch drei Stunden Zeit haben, Land und Leute kennenzulernen. Sie erzählt uns zum Beispiel, dass die Papierblumen und Girlanden, die man überall in der Stadt findet, nicht unbedingt mit der EM zusammenhängen, sondern mit einem Fest, dem Fest eines Heiligen, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Johannes vielleicht. Auf alle Fälle kann man in dieser Zeit des Jahres überall Knoblauch, Lauch und Plastikhämmer kaufen. Die Plastikhämmer kann man dem Nachbarn auf den Kopf hauen, und das macht Spaß. Vielleicht hatte ich bisher ein falsches Bild vom Portugiesen, von dem ich bisher gedacht habe, er träfe sich am liebsten mit Gleichgesinnten, um melancholische Fado-Gesänge anzustimmen. Aber vielleicht der denkt "der Portugiese" ebenso, "der Deutsche" ginge am liebsten laut schreiend und hüpfend durch fremde Städte.. Und würde man "dem Deutschen" nicht viel eher zutrauen, den Nachbarn mit einem Plastikhammer zu malträtieren?

19:30 - Wir schlendern durch die Stadt, flanieren über die Promenade am Rio Douro entlang und genießen den Urlaubstag. Zum Abschied gönnen wir uns ein ausgiebiges, fischiges Abendessen, die Spezialität (Kutteln auf Porto-Art) verkneifen wir uns, und im kleinen Fernseher, den man draußen aufgebaut hat, erleben wir sogar noch das 3:2 für Tschechien. Noch nie habe ich wahrscheinlich so viele Tschechien-Fans gesehen. Und plötzlich schien auch alles wieder gut zu sein in der Stadt. Alle waren zufrieden, alle sangen und hüpften. Die Deutschen hatten wieder etwas zu freuen, weil Holland verloren hat, die Tschechen feierten ihr sicheres Viertelfinale, sogar Italiener gab es, die hüpfend etwas wie "I campionati siamo noi!" sangen: Die Europameister, das sind wir. Die ganze Stadt war am hüpfen und am tanzen. Schön, plötzlich gab es keine Verlierer mehr. Zumindest nicht in Porto und nicht heute Abend. Wahrscheinlich war es das, was die Gastgeber auf ihrem Plakat am Flughafen sagen wollten: "Das Europa vereinigte durch Füßball!"

22:30 - Der Bus bringt uns zurück zum Flughafen. Auch hier treffen wieder zahlreiche Nationen friedlich aufeinander: Tschechen, Deutsche, Dänen, Eintracht-Fans und sogar vereinzelt Mainzer. Aber wie gesagt, heute sind wir alle Freunde.

01:30 - Aufbruch. Der Käptn kündigt Rückenwind an. Den können wir brauchen. In der Luft höre ich, bereits im Halbschlaf, eine Flugbegleiterin zu einer Kollegin raunen: "na, jetzt wollen die sicher wieder ständig Bier..."! Aber ebenso wie beim Rückflug blieb es ruhig und diszipliniert. Nun ja, im Schnitt waren wir auch nicht mehr die Jüngsten im Flugzeug. Und es war ein langer Tag.

04:30 - Vor 24 Stunden hat der Wecker geklingelt. Und jetzt sitzen wir am Bahnhof Frankfurt FLughafen, warten auf die Züge, die unsere Wege wieder trennen werden. Es gibt noch keinen Kaffee hier um diese Uhrzeit.

Waren es wirklich nur 24 Stunden?

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